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Was bedeutet das für mich?

Es bedeutet, ganz klar, die Ereignisse um mich herum, ganz anders zu sehen als bisher. Nicht automatisch, denn das funktioniert leider nicht, sondern sehr bewusst. Am Anfang muss ich mich regelrecht selbst immer wieder zur Ordnung rufen, um nicht wahrzunehmen, wie ich es bisher tat.

Es ist beispielsweise nicht so ohne weiteres wahrzunehmen (!), dass es ohne Feuer keinen Brennstoff gibt. Normalerweise fragen wir sofort ‚wieso?’, wenn das jemand sagt, doch wir versenken uns nicht darin, nehmen uns nicht die Zeit, uns darauf einzulassen.

Statt dessen bleiben wir in der Haltung des Diskutierens stecken und selbst, wenn wir darüber meditieren, machen wir uns selten wirklich frei von unseren Gedanken dazu, sondern denken weiter mit den alten Bildern, die wir im Kopf haben.

Doch genau damit fängt es an, zu lernen, dialogisch miteinander zu reden. Dazu muss uns erst einmal bewusst werden, wie wir uns in Gesprächen üblicherweise verhalten. Viele meinen ja, sie seien im Dialog, wenn sie miteinander reden, aber ein Gespräch ohne Aggression über etwas ist noch lange kein Dialog. Auch eine Debatte kann man in ruhigem Ton führen.

Daniel Yankelovich unterscheidet zwischen Dialog, Debatte, Diskussion und Deliberation. In der Diskussionen muss es keine Gleichberechtigung, Empathie und Erkundung von Annahmen geben, während diese drei Elemente im Dialog essentiell sind. Die Deliberation ist eine Aktivität, bei der es eher darum geht, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen, während das im Dialog nicht der Fall ist.

David Bohm definiert den Dialog als „einen Strom von Bedeutungen, der unter, durch und zwischen uns fließt“. Nach Bohm bedeutet ‚dia‘ hier durch und nicht zwei, also kann dieser Strom unter einer beliebigen Anzahl von Menschen fließen, es kann sogar einer einen Dialog mit sich selbst führen. Anders als in der Diskussion geht es nicht darum, den anderen von den eigenen Ansichten zu überzeugen, sondern sich auf andere Ansichten einzulassen.

Das Feuer – Brennholz Beispiel macht sehr gut deutlich, dass wir Annahmen haben, die wir für Wahrheiten und Teile unserer Identität halten, sodass wir dazu neigen, sie zu verteidigen, wenn sie in Frage gestellt werden, und diese Verteidigung könnte uns daran hindern, Dialoge zu führen.

Sie werden sich vielleicht fragen, was Brennholz mit Ihrer Identität zu tun hat. Das ‚Problem‘ ist nicht das Brennholz, sondern die dem zugrundeliegende Denkstruktur, die mit festgelegten Identitäten arbeitet. So, wie jemand Holz ohne Feuer gleichwohl als Brennholz ansieht, nur weil es vor einem Ofen liegt und die entsprechende Größe hat ist genau die Denkstruktur, mit der er sich selbst ‚sieht‘.

Im Dialog geht es also nicht um Wahrheiten, sondern um Bedeutungen. Das ist das, worauf die verschiedenen Gruppen in unserer Gesellschaft(en) aufbauen. Die Schwierigkeit ist, dass viele Wahrheiten und Bedeutungen verwechseln, also die Bedeutung, die sie den Dingen zuschreiben für Wahrheiten halten.

Ein Dialog  ist alles andere als eine obskure esoterische Form einer intellektuellen Übung, die nur wenige beherrschen. Er ist hingegen ein praktisches, alltägliches Werkzeug, das jedem zugänglich ist. Doch das bedeutet nicht, dass es eine angeborene Fähigkeit ist, sondern etwas, das gelernt werden will. Doch wollen wir andere wie auch uns selbst verstehen, brauchen wir den Dialog!

Er ist vergleichbar mit der Propriozeption, dem ‚sechsten Sinn‘, den wir auf der körperlichen Ebene kennen und ohne den wir uns nicht gut bewegen können. Er ermöglicht uns zu schreiben, zu sprechen wie Computer oder Maschinen zu bauen. Ohne ihn könnten wir nicht Auto fahren und keine Flugzeuge bedienen, geschweige denn auf den Mond fliegen.

Genauso brauchen wir eine Propriozeption des Denkens. Wir müssen wissen, wie wir uns geistig bewegen, wollen wir unsere Gesellschaft angemessen organisieren, jedoch nicht etwa die anderen, sondern unseren Beitrag an der Gesellschaft. Damit sind wir ja an der Organisation beteiligt. Der Dialog mit uns selbst führt uns unmittelbar zu der Erkenntnis, wie wir sind. Und genau das ist der Anfang, um die Erkenntnisse umzusetzen, die uns die Quantenphysik über uns zur Verfügung stellt.

Als nächstes steht es wohl an, uns über so scheinbar selbstverständliche Begriffe wie Bewusstsein, Information, Vergangenheit, Zukunft, Haltung, Intelligenz oder auch Selbstorganisation und so weiter zu verständigen, wobei hier das Thema ‚Feuer und Brennholz‘ sehr hilfreich ist. Oder wenn Sie wollen nehmen sie die Tatsache, dass Geher und Weg nur dann existieren, wenn gegangen wird.

Ist man auf diesem Weg so weit gekommen, dann ist man jetzt möglicherweise bereit, sich auf die Prozesshaftigkeit der eigenen Existenz einzulassen. Es ist eine wichtige Wegmarke, die Ich-Idee nicht mit der eigenen Existenz zu verwechseln. Vielleicht ist das der notwendige Schritt, um den viel diskutierten Begriff der Komplexität überhaupt angemessen erfassen zu können und sich nicht in irgendwelchen Phantastereien zu ergehen.

Dann ist man möglicherweise bereit sich darauf einzulassen, was es bedeutet, dass alles dem einen Geist entspringt, was auch immer das ist, gleichwohl aber nicht damit Identisch ist. Mit unserem gewöhnlichen Verständnis von Geist hat das absolut nichts zu tun. Es ist wie bei dem Begriff ‚Information‘, der von der Ebene der Daten über die Ebene des Wissens hin zu Weisheit ganz unterschiedliche Bedeutungen hat.

Da macht es Sinn, sich einmal zurück zu besinnen auf das lateinische ‚informare‘ im Sinne der Formung von Ordnung, Strukturen, Systemen und Prozessen. Auch der Begriff der ‚Weisheit‘ wird nicht einheitlich und nicht differenziert gebraucht, was entsprechende Gespräche ausgesprochen schwierig macht. Viele statisch verwendete Begriffe, wie Information, Bewusstsein oder auch Weisheit müssen evolutionär verstanden werden. Schließlich stehen alle drei Begriffe mit Selbstorganisation in Verbindung; jedenfalls ist das meine Ansicht.

Worüber reden wir also, wenn wir sagen, dass alles dem einen Geist entspringt? Dabei muss uns erst einmal klar sein, dass wir uns zuerst die Frage stellen müssen, wie weit wir unseren eigenen Geist von all dem angesammelten Gedanken-Müll befreit haben – und die dann auch noch ehrlich beantworten sollten.

Natürlich möchte jeder diese Ressource nutzen. Doch da macht uns die Natur einen Strich durch die Rechnung. Durch die Quantenphysik wissen wir, dass Selbstorganisatonsprozesse – und das ist es, worüber wir sprechen, wenn der Geist in unserem Leben aktiv wird – gerade dann nicht stattfinden können, wenn wir damit eine konkrete, willentliche Absicht verfolgen.

So faszinierend die Erkenntnisse der Quantenphysik auch sind, wir dürfen die Hürde nicht übersehen, die es zu überwinden gilt, bevor wir überhaupt darauf zurückgreifen können. Aber, wie gesagt, willentlich geht es garantiert nicht. Nur in einem Zustand, der dem des Flow sehr, sehr ähnlich ist.

Wie dem auch ist, ich möchte das Potential nutzen, das die Quantenphysik beschreibt, und daher will ich in den Zustand kommen, in dem ich dieses Potential auch einsetzen kann. Doch das bedeutet, dass ich mich wie im Handwerk ‚nach oben‘ arbeiten muss: Am Anfang steht der Azubi, der sich das erforderliche Wissen anzuwenden sucht, dann der Geselle, der das Tetralemma ‚sieht‘ und in seinem Denken anwendet und dann der Meister, der die Gelassenheit und die Fähigkeit sich nicht einzumischen hat, die es braucht, um die Bühne der Selbstorganisationsprozesse wirklich zu betreten.

Es geht also um Daten, Wissen und Weisheit. Es ist der Prozess von Information über explizites Wissen hin zu implizitem Wissen, kombiniert mit einer entsprechenden Lebenshaltung, die implizites Wissen überhaupt erst möglich macht. Um diese Lebenshaltung geht es im letzten Text von ‚Sehen, was ist‘.

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