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Sehen lernen, was ist

Du bist, was du bist,
doch du bist nicht,
was du zu sein glaubst.

Wir gehen üblicherweise meist intuitiv davon aus, dass wir die Ereignisse um uns herum objektiv wahrnehmen. Dass dem so nicht ist, lässt sich leicht dadurch aufzeigen, indem man zum einen ganz genau untersucht, was man und vor allem wie man wahrnimmt.

Dafür gibt es meines Erachtens nach vor allem zwei Wege: Einmal den Weg des Ch’an wie der Mystik, zum anderen die Beschäftigung mit den fundamentalen Fragen, die die Quantenphysik nach sich zieht.

Der zweite Weg hat den unbestreitbaren Vorteil, dass man diese Erkenntnisse nicht so einfach wegdiskutieren kann, denn sie sind schlicht ein Fakt. Zum Beispiel die Sache mit Welle und Teilchen beim Doppelspaltversuch. Oder die Tatsache, dass Materie scheinbar keine Substanz hat.

Daran ändert sich nichts, nur weil wir es uns nicht vorstellen können. Was in den letzten hundert Jahren alles erkannt wurde, wirft schon eine Menge fundamentaler Fragen auf, die weit über das technische hinausgehen.

Bei all dem bleibt natürlich die Frage, warum uns das überhaupt interessieren sollte. Ich kann doch meinen Job auch machen, wenn ich nicht weiß, wie ich die Flugbahn eines Satelliten berechnen muss, außer natürlich, ich wollte einen Satelliten bauen können oder will zum Mond fliegen.

Ja, so könnte man denken. Scheinbar alles nur unwesentliches Wissen für den Alltag. Doch dann muss man sich auch fragen, weshalb die Menschen schon immer wissen wollten, was ‚dahinter’ ist. Schon immer, jedenfalls seit einem sehr frühen Zeitpunkt, waren sich die Menschen der Unwägbarkeiten in ihrem Leben bewusst und suchten dafür Erklärungen, Antworten und vor allem Lösungen für ihre Probleme.

Die sie aber nicht fanden. Und deshalb erfanden sie Geister und Religionen, um nicht im Regen stehen bleiben zu müssen. Die Menschen suchten also krampfhaft nach Antworten auf ihre offenen Fragen. Doch die suchten sie in gedanklichen Konstrukten und nicht in der Wirklichkeit. Oder, noch einfacher und noch fataler, sie dachten einfach wie alle anderen auch dachten.

Also haben die Menschen in grauer Vorzeit damit begonnen, sich Gedanken über sich selbst zu machen. Sie verließen die Welt der Wahrnehmung durch ihre Sinne und schauten sozusagen gedanklich auf die Welt. Und da entstand der Bruch, denn das war (und ist) ein gedanklicher Trick, der nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Die Menschen waren gezwungen, an etwas zu glauben. Die Kehrseite davon ist, dass sie das meist selbst weder erfahren und noch erlebt haben.

Der Grund dafür, daß unser fühlendes wahrnehmendes und denkendes Ich in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild nirgends auftritt, kann leicht in fünf Worten ausgedrückt werden: Es ist selbst dieses Weltbild. Es ist mit dem Ganzen identisch und kann deshalb nicht als ein Teil darin enthalten sein.“

So hat es Erwin Schrödinger formuliert. Anders ausgedrückt: Hat man keine Worte mehr für diese Erfahrung, dann ist man auf dem richtigen Weg, vorausgesetzt, man hat alles an Illusionen beiseite geräumt.

Vor ca. 2500 Jahren gab es eine gedankliche-philosophische Denktradition, den Ch’an, das spätere Zen, die genau dieses Dilemma der Menschen zu lösen suchte. Und die, die nicht wieder in irgendwelche Traumwelten abgedriftet sind, wie die Wilde-Wolken-Menschen, die sich keiner Schule und keiner Theorie zugehörig fühlten und ausschließlich ihren eigenen Gedanken folgten, die sind bei Erkenntnissen angekommen, die man mit den fundamentalen Fragen vergleichen kann, auf die die Quantenphysiker Ende des 20ten und Beginn des 21ten Jahrhunderts kamen.

Ich behaupte, dass die Fragen des Ch’an und die fundamentalen Fragen der Quantenphysik den gleichen Kern haben. Doch was macht ‚man‘ anders, wenn man so denkt? Was sind also die Kriterien, die normalerweise ausgeblendet werden?

Das ist vor allem die Person des Beobachters, seiner Position und seiner Bewegung, sowie der Faktor Zeit. All das sind Aspekte, die bei der Betrachtung dessen, was ist, üblicherweise außen vor bleiben, da sie nicht auffallen.

In dem Moment aber, indem man diese Werte maßgeblich vergrößert, merkt man, dass diese doch von Bedeutung sind. Dann wird man nämlich feststellen, dass die bisher angenommene Gleichzeitigkeit relativ zu der Position des Beobachters ist. Fliege ich auf einem Satelliten an der Erde vorbei zu meinem Freund auf dem Mars, dann erlebe ich das ganz anders als ein Beobachter auf der Erde. Auch mein Freund wird das ganz anders erleben.

Ganz banal kann ich das sogar mit einem Motorrad erleben. Sitze ich auf dem Motorrad, dann höre ich einen spezifischen Ton, natürlich nur unter der Voraussetzung, dass ich mit gleichbleibender Geschwindigkeit fahre. Mein marsianischer Freund wird aber einen ganz anderen Ton hören als ich. Und der Beobachter hört zwei Töne, einen, wenn ich mich ihm nähere und einen, wenn ich mich von ihm entferne.

Die Kausalität ist jedoch unabhängig von alledem. Ich fahre auf dem Motorrad an dem irdischen Beobachter vorbei zu meinem marsianischen Freund. Man muss also doppelt denken: Relativ und absolut.

Das andere ist, das wir etwa dank des Doppelspaltversuches wissen, dass zwei sich scheinbar ausschließende Zustände, hier Welle und Teilchen, gleichermaßen nicht nur möglich, sondern tatsächlich sind. Also nicht zusammen, sondern entweder A oder B, aber nicht A und B oder keines von beiden. Dass das schwer zu verstehen ist liegt daran, dass wir dafür keine Vorstellung und auch keine Begriffe haben, abgesehen von dem Modell des Tetralemma.

Und weil das vielen zu kompliziert erscheint so zu denken, blenden es die meisten einfach aus. Doch die Frage ist, inwieweit es auch korrekt ist, das auszublenden. Das ist es tatsächlich nicht. Viele fragen sich vielleicht, was das mit ihnen zu tun hat, betrifft es doch nur das, was scheinbar außerhalb von ihnen passiert. Doch das stimmt nicht.

Zum einen nehme ich Dinge nicht direkt wahr, sondern ich interpretiere meine Wahrnehmung und dann bewerte ich das Wahrgenommene auch noch. Ich frage mich daher immer, wie kommt das Bild in meinen Kopf? Zum anderen nehme ich nicht unabhängig wahr, sondern nur subjektiv wahr. Durch die mir zur Verfügung stehenden Informationen und meine Interpretation nehme ich unmittelbaren Einfluss auf das Wahrgenommene. Was man in der Begegnung mit Menschen sehr gut beobachten kann.

Und wenn man ordentlich darüber gegrübelt hat, schleicht sich garantiert eine Frage in das Denken ein, die das ganze bisherige Denkgebäude regelrecht untergräbt und zum Einsturz bringt, nämlich die Frage, ob man überhaupt ernsthaft zwischen ‚Innen‘ und ‚Außen‘ differenzieren kann. Doch wenn man nicht bereit ist, dass einem das eigene Weltbild zusammenbricht, dann lässt man solche Gedanken und lebt lieber weiter in einer Illusion.

Aber das ist noch lange nicht alles. Wir wissen heute, dass die Materie, also Moleküle und Atome, immer mehr verschwindet, je genauer man hinschaut. Am Ende steht die Feststellung, dass nur Information und Geist übrig bleiben. Oder sollte ich eher davon ausgehen, dass sie am Anfang stehen, denn ich schaue ja auf die Ursache, nicht das Ergebnis. 

Wobei die Begriffe ‚Information‘ und ‚Geist‘ ganz anders zu verstehen sind, als wir es bisher getan haben. Richtig spannend wird es, wenn man sich selbst einmal genau betrachtet, dann merkt man schnell, dass man selbst so wenig wirklich existiert wie ein Regenbogen. Den gibt es auch nur, wenn bestimmte Dinge zusammentreffen. Ansonsten existiert er nicht.

Natürlich bin ich real, doch ich bin alles andere als statisch. Wo wäre ich, wenn ich nichts mehr zu essen bekäme? Man kann das immer weiterspinnen und merkt sehr schnell, dass auch, wenn man ‚existiert‘, das nicht bedeutet, dass man beständig wäre, sondern abhängig ist von Einflüssen, auf die man selbst keinen direkten Einfluss hat.

Das überhaupt zu akzeptieren ist der erste Schritt, um sehen zu können, dass wir das Gedankenpferd vom Schwanz her aufzäumen. Wir suchen Antworten. Doch es ist genau anders herum. Wir fragen uns, wo wir herkommen, statt zu sehen, dass wir sind. Und da ist es müßig mich zu fragen, was ich bin. Dafür brauche ich nur in den Spiegel zu schauen.

Was also ist die Frage, auf die ich die Antwort bin?