Zum Inhalt springen →

Neu gedacht

Wenn es so ist, dass in Anlehnung an den Gedanken von Marshall McLuhan die Form den Inhalt definiert – wovon ich absolut überzeugt bin – dann bedeuten das, dass ich anderes denken werde (und nicht nur könnte!), wenn meine Denkstrukturen anders sind.

Unter Denken verstehe ich die Summe aller neuronalen Prozesse, die in einem Organismus ablaufen. Die Strukturen sind die klar definierten Wege, die dem Denken zur Verfügung stehen. Wenn meine Frau mir sagt, dass wir keinen Kaffe mehr haben, dann düse ich entweder los und kaufe neuen – oder ich gehe davon aus, dass sie welchen mitbringt.

Meine Denkstrukturen sind also durch meine Überzeugungen und Einstellungen definiert. Ändere ich meine Überzeugungen, ändert sich auch die Struktur meines Denkens. Das ‚Problem‘ dabei ist, dass ein neuer Gedanke sich in den alten Denkstrukturen bewegen muss, geht ja nicht anders.

Das wiederum heißt, dass die durch die bisherigen Denkstrukturen hervorgebrachten Gedanken und der neue Gedanke im Clinch miteinander liegen. Wer da in der Regel gewinnt liegt auf der Hand. Selbst wenn ich ein Buch lese, werden neue Gedanken den alten Strukturen angepasst, leider ohne dass mir das bewusst wäre.

Es sind meist die Brüche im Leben, die Denkstrukturen zum Einsturz bringen. Dumm nur, wenn sie hinterher genauso wieder eingerichtet werden, ist das Leben wieder in ruhigeres Fahrwasser gekommen. Das läuft dann unter dem Titel ‚vertane Chance‘. Natürlich nur dann, wenn man das übliche Wirklichkeitsverständnis für nicht unbedingt erstrebenswert hält – was ich tue. Ich schließe mich da Denkern wie Krishnamurti an.

Wir wissen, dass die bisherigen Bewusstseinssprünge der Menschheit nach einem Schema abliefen, das Ken Wilber mit den ‚spiral dynamics’ beschrieben hat. Vor dem Sprung auf die nächste Ebene muss also die bisherige Ordnung aufgegeben werden. Bedeutet unter Umständen eine Menge Chaos. Aber wer will das schon? Niemand. Und genau deswegen bewegt sich der Mensch nicht, jedenfalls viele davon.

Auf diese Überlegungen bin ich gekommen, als ich diesen Gedanken las: ‚Wir brauchen Routinen, um unseren Alltag zu strukturieren und zu meistern.‘ Ja, das stimmt, doch für sich alleine ist es meines Erachtens nach zu kurz gedacht. Es fehlt vollkommen, dass wir andere Routinen brauchen, wollen wir nicht auf der Stelle treten.

Das heißt, ich muss sozusagen aufbrechen, ganz anders als bisher zu denken und gleichzeitig genauso wie bisher auch zu handeln. Aufbrechen (im wahrsten Sinn des Wortes!) und gleichzeitig bei dem Bisherigen zu bleiben, wenn ich es anwende. Ein klassisches Tetralemma!

Wenn ich beides gleichermaßen tue, habe ich gewonnen. Dann brauche ich nicht den Kollaps meiner bisherigen Denkstrukturen um sie umbauen zu können, sondern sehe sie als einen dynamischen Prozess. Es ist vielleicht wie mit dem Licht bei dem Doppelspaltversuch.

Das Licht erscheint ja einmal als Welle und dann wieder als Teilchen. Den Unterschied macht ein Faktum, eine Festlegung. Halte ich daran nicht fest, sondern lasse es sofort wieder los, kehre ich postwendend in den Raum des Möglichen zurück.

Ich muss mir dafür nur darüber im Klaren sein, dass ‚relativ‘ und ‚absolut’ die zwei Seiten ein und derselben Wirklichkeit sind. Alles nur eine Frage des eigenen Standpunktes! Die Schwierigkeit ist dabei, dass sich das zu sehen in unserer Alltagswelt noch nicht durchgesetzt hat.

Wenn ich mich beispielsweise mit jemandem streite, hat der andere genauso recht wie ich auch. Eben jeder aus seiner Perspektive. Also muss man die Lösung dort suchen, wo man bisher nicht gesucht hat, wobei Lösung ein Begriff ist, der leicht in die Irre führen kann.

Wenn ich Zuschreibungen wie ‚relativ‘ und ‚absolut’ als die zwei Seiten ein und derselben Wirklichkeit ansehen kann, habe ich eine Denkstruktur installiert, die beides kann: Aufbrechen und beharren. Eines wird dabei deutlich, nämlich dass man, will man das erklären, mit der Sprache Probleme hat.

Eine reine Tetralemma Sprache gibt es (noch?) nicht, jedenfalls im Deutschen ist das so. Aber ich kann problemlos so denken! und darauf kommt es an!

Veröffentlicht in Allgemein