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Meine Philosophie

Was ist eigentlich wirklich?

„Besonders bei der Wahl deiner Worte sei achtsam.
Wenn ein anderer dich hört, kann er dir ins Herz schauen.“
Unbekannt

Wenn ich mit meinen Gedanken ständig irgendwo anders bin, also nicht im NOW and HERE, dann bin ich im NOWHERE, also weder in der Gegenwart noch in der Zukunft noch in der Vergangenheit, sondern im Nirgendwo. Es beginnt also mit Achtsamkeit. Nur so kann ich den anderen wirklich sehen, ihm in sein Herz schauen. Doch das heißt den anderen nicht zu interpretieren, sondern mit ihm zu reden.

Das grundlegende Problem ist meiner Ansicht nach, dass wir vielfach in einer Pseudogemeinschaft leben, in einem Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Wir tun so, als sei alles in Ordnung, als gäbe es nur oberflächliche, individuelle Differenzen und keinen Grund für Konflikte. Mit anderen Worten: Wir schauen nicht wirklich hin. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedienen wir uns einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt, sowie Interpretationen statt Fakten:

Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Diese Regeln mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, mehr aber auch nicht. Die Kommunikation läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Solange ich mich nicht daraus verabschiede, also aus der Konvention, solange werde ich nie in der Wirklichkeit ankommen können. Die Alternative ist ganz klar: Mit einander reden!

Aber wie? Das ist die vielleicht entscheidende Frage. Wir wissen ja, den Neurowissenschaftlern und der modernen Technik sei Dank, dass Meditation nachweislich und nachhaltig das Gehirn umbaut. Doch Meditation ist nicht immer auch das, was man selbst darunter versteht. Darauf kommt es also an – mein Verständnis von dem, was ich tue. Die Interpretationen der Quantenmechanik, darunter insbesondere die Kopenhagener Interpretation, gehen ja davon aus, dass die Annahme einer deterministischen Dynamik physikalischer Systeme nicht aufrechterhalten werden kann.

Die gegenseitige Beeinflussung zwischen Objektsystem (ich bin ja auch so ein Objektsystem) und ihren Umgebungen (also meiner) wird in allen Interpretationen der Quantenmechanik berücksichtigt, wobei sich die einzelnen Interpretationen in ihrer Beschreibung des Ursprungs und der Auswirkungen dieser Beeinflussung wesentlich unterscheiden. Und genau deshalb beeinflusst meine „Umgebung“, wie ich Meditation verstehe. Mit anderen Worten: Meine Umgebung formt sozusagen mein Denken, so wie ich mit meinem Denken meine Umgebung gestalte. Denke ich ordentlich, ziehe ich mich ordentlich an. Ziehe ich mich ordentlich an, denke ich auch ordentlich im Rahmen des mir Möglichen.

Nur, dass dieses „Mögliche“ nichts Definiertes ist, sondern etwas, das weiter und größer – oder enger und kleiner wird. Das liegt daran, welche Umwelt ich meinem Gehirn präsentiere. Und das fängt damit an, wie ich spreche – sofern es mir überhaupt bewusst ist. Viele Menschen behaupten ja, sie hätten von Physik absolut keine Ahnung. Das stimmt aber nicht, denn unsere Sprache „folgt“ genau den identischen Strukturen und Maximen wie die klassische Physik. Und da bekanntlich unsere Sprache die Welt begrenzt, in der wir uns bewegen, verwundert es nicht, dass wir ein Problem haben, diese Begrenzung zu überwinden. Schon Albert Einstein und Niels Bohr hatten die Diskussion darüber, dass sie die falsche Sprache haben um sich über die fundamentalen Fragen der modernen Physik unterhalten zu können. Und uns geht es nicht anders, wenn wir die Grenzen unseres Denkens überwinden wollen.

Eigentlich recht einfach

„Wenn du nicht einem Lehrer begegnest, der die Welten zu
überschreiten vermag, wirst du die Arzneien des Dharma weiter vergebens schlucken.“
Huang Po

Es gibt eine Kogi-Weisheit, mit der „eigentlich“ alles gesagt ist: „Die Welt ist der Raum zwischen Erinnerung und Möglichkeit, die physische Spur einer Idee. Ohne unser Bewusstsein kann sie nicht existieren.“ Das Dumme mit solchen Weisheiten ist nur, dass sie so angenehm für die Empfindung sind, doch umso schwerer ist es, sie in unser Gehirn zu integrieren beziehungsweise, unsere neuronale Struktur entsprechend umzugestalten. Also habe ich nach „belastbaren“ wissenschaftlichen Gedanken gesucht, die das gleiche sagen wie die Gedanken des Chan, mit denen ich mich schon lange beschäftige. Und bei den Quantenphysikern bin ich fündig geworden.

Es beginnt ganz einfach mit der Feststellung, dass das, was ich wahrnehmen kann, nicht die Wirklichkeit ist. Was ich sehe ist immer nur meine Vorstellung davon, mein Bild. Das ist mein eigenes Bild, aber nicht die Wirklichkeit. Die kann ich nur denken, aber nicht wahrnehmen. Wahrnehmen kann ich nur mein Erleben, nichts sonst. Das ist dann die Basis, von der aus ich korrekt wahrnehmen kann. Wenn ich das schwerelose Durchfahren einer Kurve erleben will, muss ich eben mit dem Motorrad und nicht mit dem Auto fahren. Will ich die Welt korrekt erleben, brauche ich das richtige Fahrzeug, also das richtige Denken.

Erleben und Wirklichkeit sind also nicht das Selbe und auch nicht das Gleiche. Daher kann ich über mein Erleben nicht diskutieren, sondern nur berichten, einen Dialog darüber führen. Ich muss meine „normale“ Welt(sicht) überschreiten, will ich die Wirklichkeit erkennen. Ach, übrigens, bezugnehmend auf das Zitat oben, mein Lehrer ist mittlerweile ganz banal die Quantenphysik, die eine Menge fundamentaler Fragen für mich parat hat, Fragen, bei denen ich die Antworten so langsam zu ahnen beginne.

Begonnen hat es wohl damit, seit ich Fragen grundsätzlich zu beantworten suchte und direkt auf den Grund des verfügbaren Wissens gegangen bin. Dabei begriff ich endlich, dass das zugrundeliegende Problem aller Probleme in dem Gefühl besteht, ein getrenntes Wesen zu sein, das sich mit seinem Körper und seinem Verstand identifiziert hat. Dazu ein Zitat von Albert Einstein, der zwar auch nicht in Allem was er dachte Recht behielt, hier aber schon:

„Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen. Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.“

Zuschreibungen oder Prozesse?

„Je mehr eine Kultur begreift,
dass ihr aktuelles Weltbild eine Fiktion ist,
desto höher ist ihr wissenschaftliches Niveau.“
Albert Einstein

Ja, das ist die Frage, die wir uns beantworten müssen. Wie denken wir? In Zuschreibungen oder in Prozessen? Und stimmt unser Denken überhaupt mit dem überein, was wir wissen können oder tatsächlich sogar wissen? Doch diese Frage zu beantworten ist erst einmal eine wirkliche Herausforderung, denn das bedeutet ja, dass wir die Bühne und alles, was sich darauf abspielt, von außen betrachten können müssen, während ein Teil von uns auf der Bühne steht. Das ist ein ausgesprochen anspruchsvoller Vorgang, der viel Übung im abstrakten Denken erfordert. Sehr, sehr viel, denn diese Art zu denken ist für viele absolut ungewohnt.

Die Frage ob Zuschreiben oder Prozesse richtig sind, lässt sich leicht erklären, etwa an einem Regenbogen. Regenbögen gibt es nämlich überhaupt nicht, sondern nur als Prozess. Wenn das einfallende Sonnenlicht auf Wassertröpfchen in der Luft trifft und von ihnen reflektiert und dabei gebrochen wird, selbst damit gibt es noch lange keinen Regenbogen. Den gibt es erst dann, wenn ein Beobachter hinzukommt, der die verschiedenen Lichtspektren auch wahrnimmt. Ohne Wahrnehmung kein Regenbogen.

Das heißt, der Beobachter macht sozusagen erst den Regenbogen zum Regenbogen, weil er das Ergebnis eines Prozesses eben so wahrnimmt. Deshalb macht auch ein fallender Baum kein Geräusch, wenn ihn niemand hört. Altes Ch’an-Koan. Ich muss mir nur einmal klarmachen, wie der Bildschirm, den ich gerade anschaue, überhaupt als solcher von mir wahrgenommen werden kann. Das erkannte auch Wittgenstein, dass das eigene Denken die Welt definiert, in der ich lebe. Ist übrigens erst einmal keine philosophische, sondern eine biologische und neurologische Frage, aus der sich dann jedoch eine Menge philosophischer Fragen ergeben. Daher ist meine persönliche Meinung, dass wir uns erst einmal auf das Wissen besinnen müssen, das wir zur Verfügung haben. Solche Gedanken konsequent zu Ende zu denken scheuen viele Menschen fast wie der Teufel das Weihwasser, denn dabei geht ihnen unweigerlich die Überzeugung eines „Ich“ verloren.

Der Teufel ist eine Erfindung eines dualistischen Weltbildes. Weder in der germanischen Mythologie noch im griechischen und römischen Denken gab es ursprünglich den schroffen Gegensatz zwischen göttlicher und teuflischer Sphäre. Woher auch dieses dualistische Denken einmal kam, beziehungsweise worauf es gründete ist letztlich egal, denn es ist schlicht und einfach falsch. Das ist keine philosophische, sondern eine wissenschaftliche Erkenntnis. Geben wir aber dieses dualistische Weltbild wirklich auf, dann sieht die Welt mit einem Mal ganz anders aus. Und auch die Menschen sind auf einmal irgendwie anders, nämlich so ordentlich komplex. Man muss sich klar sein, dass die Auflösung der Überzeugung eines aus sich selbst heraus existierenden Wesens absolut kein Problem ist, denn ich und auch Sie existieren weiter wie vorher auch. Nur besser, denn dann denkt man korrekter.

Wenn es aber nur noch Prozesse und keine Zuschreibungen mehr gibt, dann stellen sich uns eine Menge philosophischer Fragen. Wahrscheinlich werden wir dann sofort Aikido lernen, um uns eines Angreifers zu erwehren, der dann ja kein Gegner mehr sein kann. Statt ihm wie bisher ordentlich auf den Kopf zu hauen. Aikido, das übrigens leider immer noch unter dem Ticket „Kampfkunst“ gehandelt wird, lässt sich übrigens auch perfekt im Gespräch mit anderen anwenden. Es geht dabei nicht um die Verbesserung der sprachlichen und rhetorischen Fähigkeiten, denn die sind aus der Sicht des Aikido nutzlos, wenn sie nicht auf einem inneren Fundament beruhen. Auf solche Gedanken kommt man unweigerlich, wenn man die Erkenntnisse der Quantenphysik philosophisch umsetzt.

Wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen, müssen wir mit der Organisation unseres Denkens beginnen.

Mythos des „objektiven Wissens“

„Mythen erweisen sich langlebiger
als wissenschaftliche Erkenntnisse.“
Helmut Glaßl

Kollektive Gedankenformen sind die Strukturen unseres Denkens, die wir als Gesellschaft miteinander teilen. Sie zeigen sich in Sätzen, die wir für selbstverständlich halten und wir orientieren uns damit an den Werten der Gesellschaft, in der wir leben. Nur übersehen wir dabei, dass wir als Menschheit sie vor langer Zeit zu Grundprinzipien unseres Denkens gemacht haben. Daraus sollten wir uns schleunigst lösen. Wir wissen nachgewiesenermaßen dank der Erkenntnisse der Quantenphysiker, dass „Objektivität“ ein Mythos ist. Objektivität bedeutet, die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten beobachten und analysieren zu können, ohne sie dabei zu beeinflussen. Das ist jedoch ein grundlegender Denkfehler.

Objektive Tatsachen geben uns ein Gefühl von Sicherheit. Genau deshalb fällt es uns so schwer, unsere tradierten Denkgewohnheiten aufzugeben. Nicht einmal die sogenannten „Naturgesetze“ sind objektiv wahr, denn sie beschreiben nur die Natur, aber sie definieren sie nicht. Doch das bedeutet nicht, dass alles beliebig wäre. Es gibt einige Prinzipien, die wohl absolut gelten, aber eben Prinzipien und keine Naturgesetze.

Die spannende Frage ist also, wie Gedanken biochemische Prozesse auslösen, die sich dann körperlich niederschlagen. Denn eins wissen wir definitiv: Geist und Materie kommunizieren auf eine unbewusste Weise miteinander. Mein Denken ist ja in erster Linie ein Ergebnis der biochemischen Prozesse in meinem Gehirn. So wie ich aus verschiedenen Baumaterialien verschiedene Häuser bauen kann, baue ich mit meinem Geist aus dem in meinem Gehirn gespeicherten Informationen mein ganz persönliches Denkgebäude. Nur sollte ich gelegentlich überprüfen, ob das, was ich da gespeichert habe, auch so ist. Das Problem ist natürlich, dass meine Art zu denken auch meine Wahrnehmung steuert. Die entscheidende Rolle spielt also die Frage, welche Informationen ich als so relevant ansehe, dass ich sie zur Grundlage meines Denkens und damit meiner Wahrnehmung mache.

Um mir die Möglichkeit zu eröffnen, bewusst an diesem Prozess teilzuhaben, brauche ich Gedankenformen, die es mir ermöglichen, immaterielle, bewegliche Phänomene präzise wahrzunehmen, Gedankenformen, die mir helfen, die Welt so zu sehen, wie sie sich der Physik des 21. Jahrhunderts zeigt, Gedankenformen, die die Möglichkeit der Kommunikation zwischen Geist und Materie miteinbeziehen. Also mache ich mir zunächst bewusst , nach welchen Prinzipien ich bislang meine Wirklichkeit geformt habe und auf welche Weise ich dadurch die Welt, in der wir alle leben, unbewusst gestaltet habe. Dann beginne ich meine Denkformen zu verifizieren – aber nicht, das Ergebnis! Denn das folgt unmittelbar auf meine Denkformen!

Warum aber übertragen sich all unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht auf unser Lebensgefühl? Warum vermittelt uns unser Körper Stabilität, obwohl wir wissen, dass er sich wesentlich leichter verändern lässt als unser Charakter? Obwohl ich weiß, dass sich die Atome an der Oberfläche der Dinge, die mich umgeben, ständig verändern, erscheint mir die Welt, in der ich mich bewege, immer noch fest und stabil. Das zeigt mir deutlich, dass meine Alltagswahrnehmung von meinem Weltbild und den dazugehörigen Gedankenformen bestimmt wird.

Auch wenn es uns so erscheint, als ob wir nur glauben, was wir sehen, ist es eigentlich umgekehrt: Wir sehen nur das, was wir glauben. Und ich glaube mittlerweile, dass ich in einem Feld des Möglichen lebe. So wie das Verhalten eines einzelnen Elementarteilchens nicht vorherbestimmbar ist, es keiner Gesetzmäßigkeit folgt, der Zufall ein Teil seines Wesens zu sein scheint, so ist es auch bei mir selbst. Aber wie sagte doch Heisenberg? „Wenn wirkliches Neuland betreten wird kann es aber vorkommen, dass nicht nur neue Inhalte aufzunehmen sind, sondern sich die Struktur des Denkens ändern muss, wenn man das Neue verstehen will.“

Die Struktur des eigenen Denkens ändern

„An sich ist nichts weder gut noch böse,
das Denken macht es erst dazu.“
William Shakespeare

Die meisten Menschen sind erst dann bereit ihr Denken zu ändern, wenn Fakten sie dazu zwingen. Das Problem dabei ist, dass manche Fakten erst sichtbar werden, wenn sich das Denken bereits geändert hat. Das heißt, dass wir neue Gedanken nicht auf Anhieb verstehen können. Erst wenn wir uns vorbehaltlos auf sie eingelassen und auch noch verifiziert haben, erst dann sind wir in der Lage, sie zu verstehen. Wahrscheinlich ist das die einzige Hürde, die sich immer wieder vor uns aufbaut. Wenn ich mich auf neue Gedanken nicht vorbehaltlos einlasse, schiebt sich mein bisheriges Wissen wie eine Mauer davor. Wahrscheinlich saß Bodhidharma deshalb so lange vor der Wand.

Vielleicht machen wir es uns auch so schwer, weil wir ahnen, dass uns unser gewohntes und liebgewonnenes Weltbild mit all den vertrauten Gedankenformen abhanden kommen wird. Wenn wir den Pfad der Erkenntnis nicht mit Hilfe der Philosophie zu finden suchen (so wie ich früher), tun wir uns verdammt schwer, unsere oft nicht hinterfragten Gedankenformen loszuwerden; einfach deshalb, weil unser alltägliches Leben und vor allem unsere Sprache eng mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verwoben ist. Wenn wir uns statt dessen auf die Erkenntnisse der Naturwissenschaften beziehen und die Philosophie hinten anhängen, kommen wir wesentlich schneller ans Ziel. Jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Wie in der Physik ist es auch mit unserem alltäglichen Denken. Die entscheidenden Fortschritte im Bereich der Physik wurden und werden im Denken gemacht – und nicht etwa in dem Aufbau der Versuchsanordnung. So ist es auch im Denken. Nur wer in der Lage ist, kollektive Gedankenformen über Bord zu werfen, kann wirklich Neuland betreten. Die bisher für allgemeingültig gehaltene Newton’sche Physik ist in den modernen physikalischen Theorien nur noch als Grenzfall enthalten. Sie gilt lediglich unter speziellen Bedingungen, wenn man es nämlich nicht so ganz genau wissen will. Innerhalb der kleinsten und größten Dimensionen unserer Welt und des Universums aber gilt sie nicht. Und exakt so ist es auch vielfach mit unserem Denken.

Wir beziehen es auf das ganz Große und das ganz Kleine, wie auch auf das ganz Normale – mit letztlich fatalen Folgen. „Normales“ Denken stimmt nämlich weder für das ganz Große noch für das ganz Kleine. Ich beschäftige mich dabei erst einmal mit dem ganz Kleinen, nämlich meinen eigenen Gedanken. Nehmen Sie einmal den Stuhl, auf dem ich sitze. Könnte ich da ganz genau hinschauen, dann würde ich feststellen, dass der nicht aus fester Materie besteht, sondern aus brodelnder Energie. Ich habe nur keine Ahnung, was ich daran ändern könnte. Aber wahrscheinlich ist das nur so, weil ich es nicht will. Ganz anders aber ist es bei meinen Gedanken, die in meinem Gehirn herumquirlen. Die will ich sehr wohl formen. Und das fällt mir definitiv leichter, wenn ich sie nicht als statisch, sondern als formbare Energie ansehe.

Der Quantenphysiker Erwin Schrödinger ging beispielsweise davon aus, dass wir unseren Körper durch die Nahrung mit Informationen über vitale Ordnungssysteme versorgen. Was bedeutet, dass wir über die Informationen gesunder Lebensmittel kontinuierlich die Ordnung unseres eigenen Organismus wiederherstellen und unser interzelluläres Kommunikationssystem aufrechterhalten. Wobei der Begriff „Information“ im quantenphysikalischen Kontext ganz anders definiert werden muss. Vielleicht könnte es „Anweisung“ besser treffen. Gehe ich davon aus, wie übrigens auch die Quantenphysiker, dass ganz am Anfang Geist steht, dann würde „Anweisung“ Sinn machen.

Aber auch hier gilt: Jede Theorie gilt nur so lange, bis sich Phänomene zeigen, die neue Theorien erfordern. Was wir heute für objektive wissenschaftliche Wahrheiten halten, ist deshalb nur so lange gültig, bis sich unser Denk-und Wahrnehmungsspektrum erweitert hat. „Das Ego setzt auf das Tun, und das Bewusstsein setzt auf das Sein. Zen steht ganz auf der Seite des Seins, wir dagegen stehen alle auf der Seite des Tuns.“ So sagt es Osho in „Das Zen-Prinzip, der Weg des Paradoxons“. Ich würde es so formulieren: Wir erleben uns in dem, was uns bewusst ist beziehungsweise wird. Was uns bewusst werden kann hängt davon ab, was wir zu denken in der Lage sind. Was die Frage aufwirft, was wir denken sollten oder müssten. Doch anders zu denken bedeutet, das bisherige Denken zu übersteigen. Was ein Problem ist, wenn man sich mit seinem bisherigen Denken identifiziert. Dann ist das eigene Ich-Erleben identisch mit dem eigenen Denken. Erlebt man das eigene Denken als falsch, dann heißt das, dass man sich selbst als falsch erlebt. Also stellt man sein eigenes Denken nicht in Frage. Punkt.

Genau das müssen wir aber tun, wenn wir wirklich verstehen wollen, wie das Licht aus Wellen und Teilchen bestehen kann! Dieses Experiment enthält den Schlüssel zu einem anderen Weltbild und damit zu einem anderen Welt- und Selbstverständnis. Die Physiker erkannten, dass es kein materieller Stoff war, dessen Schwingung die Lichtwellen erzeugte, sondern ein gänzlich immaterielles Phänomen: die Schwingung des elektromagnetischen Feldes. Vor Faradays Entdeckung hatte man Elektrizität und Magnetismus für zwei getrennte Phänomene gehalten. Dass sie gemeinsam ein immaterielles Feld erzeugen können, war eine revolutionäre Idee.

Dass das Universum von einem immateriellen Kraftfeld durchzogen sein soll, geht den meisten noch immer zu weit. Nun gab es also einerseits Lichtphänomene, die man nur erklären konnte, wenn man annahm, das Licht breite sich als Welle aus. Andererseits gab es Phänomene, die ganz eindeutig darauf hinwiesen, dass sich das Licht in Form von Teilchen fortbewegt. Dieses Paradox machte die Physiker ratlos. Sie versuchten es auf allen möglichen Wegen zu umgehen, aber sie fanden keine Lösung. Die Physiker akzeptierten mit der Zeit, dass der Prozess der Beobachtung das Experiment beeinflusste. Was hier auf dem Spiel stand, war das Paradigma der objektiven Welt und damit unser gesamtes Welt- und vor allem unser Selbstbild: der Glaube daran, dass wir unabhängige Beobachter einer objektiven Wahrheit sind, einer Wahrheit, die selbstverständlich messbar ist, denn sonst wäre sie nicht real.

Langer Rede kurzer Sinn: Es gibt einfach keine objektive Wahrheit. Es geht letztlich darum, uns bewusst zu machen, wie die einzelnen physikalischen Modelle unser Weltbild beeinflussen und wie weit wir selbst in der Lage sind, anders zu denken.

Was ist also wirklich?

„Kein elementares Phänomen ist ein reales Phänomen,
bis es ein beobachtetes Phänomen geworden ist.“
John Wheeler

Bei dem Doppelspaltversuch – Welle oder Teilchen – spielt die Information eine wesentliche Rolle. Die Interferenzen treten nämlich dann und nur dann auf, wenn keine Information vorliegt, welchen Weg das einzelne Teilchen genommen hat. Eine wirklich interessante Frage ist, ob dies nur für kleine Teilchen gilt. Wie groß dürfen Systeme sein, an denen sich solche Quanteninterferenzen beobachten lassen? Dekohärenz, also der Verlust der quantentypischen Eigenschaften von Teilchen, scheint nicht plötzlich einzutreten, sondern je mehr Teilchen betroffen sind, desto festgelegter ist das Ganze.

Ein Quantenprozess wird durch das Entstehen eines Faktums beendet. Ein Faktum ist wiederum Ausgangspunkt für neue quantische Möglichkeiten. Das Berücksichtigen sowohl von Fakten wie auch von Möglichkeiten erweist sich als unerlässlich für eine möglichst gute Modellierung der Naturvorgänge und damit letztlich auch für unser Überleben. Wichtig ist es, den grundlegenden Unterschied zwischen „gut festgelegt“ und einer „Determiniertheit“ zu beachten.

Es sind also Informationen, die einen offenen Quantenprozess beenden, wobei man da nicht das typische Verständnis von „Information“ anwenden darf. Bedenkt man weiter, dass es viele Dinge, von denen wir tagtäglich ausgehen, tatsächlich nicht gibt, dann wird klar, dass wir die Wirklichkeit nur durch unser Erleben beschreiben, aber nicht definieren können. Ob wir über Seele, Intelligenz, Bewusstheit, Willen oder was immer sprechen wollen, es verhält sich hier genauso wie mit dem Regenbogen.

So ziemlich jeder hat schon einen gesehen, doch kaum einer ist sich wirklich bewusst, dass es einen Regenbogen als solchen überhaupt nicht gibt. Es ist ein durch an Wassertröpfchen in der Luft reflektiertes und gebrochenes Licht, das von einem Beobachter wahrgenommen werden kann. Also nur ein Prozess, der wahrgenommen werden muss, damit der Beobachter etwas zu sehen glaubt. Dabei entsteht alles, was ich sehe, immer erst nur in meinem Kopf. Was „da draußen“ ist, ist etwas völlig anderes, definitiv nichts Gegenständliches, sondern ein Prozess. Und das Ganze tritt nie in „Erscheinung“, wenn es da keinen Beobachter gibt. Und der Zustand des beobachtenden Auges definiert, was es wahrnehmen kann. Bei nicht gegenständlichen Phänomene ist es noch offensichtlicher.

Daher ist es klug, einem anderen nicht mit Urteilen und auch nicht Annahmen über ihn zu begegnen. Aber das ist scheinbar eine ordentliche Herausforderung, denn wir können uns nicht einfach zurücklehnen und glauben, wir wüssten schon, was passieren wird. Das aber wissen wir definitiv nicht. Und vor allem sollten wir uns der eigenen Stimmung bewusst sein, denn das prägt ganz maßgeblich, was wir zu „sehen“ denken.

Fazit

„Es gibt keine Materie, nur ein Gewebe von Energien,
dem durch intelligenten Geist Form gegeben wurde.
Dieser Geist ist Urgrund aller Materie.“
Max Planck

Der Mensch beeinflusst durch seinen Geist, sein Bewusstsein und sein Glaubenssystem die Realität, in der er lebt. Das ist die Quintessenz der modernen Physik.

Nur leben wir üblicherweise in einer ganz anderen Realität, einer Realität, in der die Dinge sind, was sie eben zu sein scheinen. Was sie ja auch sind, Schränke sind nun einmal das, was sie sind. Oder Autos. Oder … oder … oder … . Diese Dinge als das anzusehen, als was sie mir erscheinen, ist durchaus sinnvoll. Ein Stein ist und bleibt dann für mich ein Stein, auch wenn es genau genommen ein geformtes Energiepaket ist. Und der Mond ist für mich da, auch wenn er nicht da wäre, wenn ihn niemand (auch kein Vogel, kein Tier und auch kein sonstiges Getier) wahrnimmt.

Was ich leider meist ignoriert habe, das ist, dass das Gehirn nicht unterscheiden kann, ob ich etwas gerade erlebe, oder ob es sich „nur“ in meinen Gedanken abspielt. Das lässt die entsprechenden Chemikalien sich entwickeln (ob ich will oder nicht) und die Neuronen fangen an zu feuern. Diese Signale, die ich dann aussende, aktivieren bestimmte Quantenfelder mit bestimmten Realitäten. Da ist gleichwohl keine „Höhere Intelligenz“ am werkeln, sondern die ursprüngliche, universelle Intelligenz, die „eigentlich“ auch mir zu eigen ist. Also höre ich auf, etwas Besonderes daraus machen zu wollen. Das ist es nämlich nicht.

Dieses „Phänomen“ zu etwas Besonderem zu machen hindert mich nämlich daran, es als das anzunehmen, was es ist – etwas vollkommen Selbstverständliches. Daher muss ich mir darüber im Klaren sein, wann es sinnvoll ist, nicht gleich alles zu hinterfragen und wann es absolut notwendig ist, genau hinzuschauen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Sage ich zum Beispiel, dass ich diesen Text schreibe, dann ist das ok, auch wenn ich nicht weiß, was „ich“ überhaupt ist. Bei materiellen Dingen ist es für mich Otto Normalverbraucher meist ver­nach­läs­sig­bar, was beispielsweise der Stein genau ist, an dem ich mich gerade gestoßen habe, vorausgesetzt, ich bin mir bewusst, dass das, was ich wahrnehme, nur so zu sein scheint, aber eben nicht wirklich ist.

So kann ich sagen, dass meine Frau grau-melierte Haare hat, doch das bedeutet nicht, dass ich damit auch wüsste, was ihre Haare genau genommen sind. „Haare“ ist nur eine oberflächliche Beschreibung. Ganz knuffig wird es bei sogenannten „Charaktereigenschaften“. Da sollte ich immer ganz still sein und auf solche Zuschreibungen grundsätzlich verzichten. Zuschreibungen sind nämlich kein Problem für den anderen, sondern für mich! Sie sind das Gefängnis, in das ich mich selbst einsperre, weil ich dann glaube etwas zu wissen, was ich aber definitiv nicht wissen kann. Fatal.

Es kommt darauf an mir bewusst zu sein, wie ich über Zuschreibungen mein Denken kaserniere, denn genau damit verhindere ich im ganz alltäglichen Leben einen Zustand, den wir alle kennen, wenn wir beispielsweise Musik selbst machen, also nicht nur den CD-Spieler bedienen können. Oder beim Motorradfahren, auch bei einem Operateur wie beim Freeclimbing – wenn wir all das selbst machen. Also bei allen Tätigkeiten, die einen an die eigenen Grenzen bringen, einfach deshalb, weil der kleinste Fehler heftige und unter Umständen lebensgefährdende Auswirkungen haben kann. Also keine Fehlertoleranz, was ich nur durch hohe Konzentration, Aufmerksamkeit und Wissen erreichen kann.

In solchen unter dem Begriff „Flow“ bekannten mentalen Zuständen mache ich eines garantiert nicht: Nämlich nachdenken. Das bedeutet nicht, dass ich in solchen Situationen nicht denken würde oder könnte, ganz im Gegenteil. Nur denke ich nicht bewusst, denn bewusstes Denken ist grundsätzlich ein Nach-Denken, allenfalls eine Reflexion, ein Blick in die Vergangenheit – aber nicht in die Zukunft, nicht nach vorne. Der „Flow“ ist also genau der Zustand, in dem ich im alltäglichen Leben oft nicht bin. Bin ich jedoch nicht im Flow, dann lebe ich in der falschen Realität, nämlich in der Vergangenheit und nicht in der Gegenwart.

Das Erfreuliche ist daher, dass ich nicht lernen muß, wie ich denken sollte. Ich kann das, jedoch nur dann, wenn ich mich in einem Zustand des Flow befinde. Nur bedeutet das nicht, dass ich dann auch per se das Richtige machen würde. Erforderlich ist ein hohes Maß an persönlicher Ethik. Entfache ich dieses Feuer vollkommener Präsenz, dann muss ich mir bewusst sein, dass dieses Feuer ja nicht nur etwas Positives ist, sondern es kann auch etwas Gefährliches sein. Wenn es nicht kontrolliert wird, brennt es alles nieder.

Es ist ganz klar, dass mein Denken ganz konkret und unmittelbar die Gestaltung meiner eigenen Existenz beeinflusst. Dabei liegt die Betonung auf mein Denken, nicht etwa auf fremdes, kopiertes Denken. Was auch etwas mit Physik zu tun hat, denn es ist sehr schwer, die Wirklichkeit zu erklären, wie sie tatsächlich ist. Genau genommen unmöglich. Man muss sie selbst erkennen.