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Es ist nie zu spät, sich auf sich selbst zu besinnen

Also sollte ich dann doch mal damit anfangen!

Als ich geboren wurde, kam ich mit einem riesigen Paket an Überzeugungen, Ansichten und Meinungen zur Welt. Natürlich nicht in Form von Wörtern und Gedanken, sondern in Form von einer Menge an Empfindungen.

Wer glaubt, dass das bedeutet, dass ich in diesem Zustand ziemlich unintelligent war, den möchte ich darauf hinweisen, dass so gehirnlose Wesen (ernsthaft, sie haben kein Gehirn!) wie ein Blob oder eine Krake zu sehr intelligenten Aktionen fähig sind. Kraken sind sogar in der Lage, ihre DNA den Umwelterfordenissen anzupassen, so wie andere Tiere sich körperlich sehr schnell an geänderte Lebensbedingungen einstellen können. Da kann man sich dann schon einmal ganz ernsthaft die Frage stellen, ob „Intelligenz“ allein die Fähigkeit eines Gehirns ist.

Der Mensch kann sich scheinbar nicht mehr sehr gut auf geänderte Lebenssituationen einstellen, aber wahrscheinlich steht er sich nur selbst im Weg; weil er meint mit seinem Verstand alles kontrollieren zu können. Aber egal. Ich kam also auf die Welt, zwar als Neugeborener, aber keinesfalls als unbeschriebenes Blatt. Da war schon jede Menge darauf notiert, also nicht nur die grundsätzlichen Lebensfunktionen, sondern auch ganz viele Emotionen. Und die vor allem, Wissen hatte ich ja noch nicht. Hauptsächlich natürlich von meiner Mama, aber auch von meinem Papa, der wiederum die Mama in ihren Empfindungen beeinflusst hat.

Doch da war ja noch viel mehr, was meine Eltern beeinflusst hat, etwa deren Eltern wie die Menschen um sie herum. Aber nicht nur das, sondern auch die Ereignisse, die sie erlebt oder mitbekommen haben. Was meine Eltern also erlebten, habe auch ich über ihre Emotionen mitbekommen. 9 Monate lang schwamm ich sozusagen in einem Pool voller Empfindungen und macht mir die zu eigen. Doch ohne, dass ich mir bewusst gewesen wäre, dass das nicht meine sind, sondern die meiner Eltern und ihrer Umwelt, in der sie unterwegs waren. Ich unterschied einfach noch nicht zwischen mir und ihnen.

Dumm gelaufen, könnte man meinen. Aber erfreulicherweise kann ich mich daraus auch wieder lösen und begreifen, dass ich einerseits ein autopoietisches Wesen bin und in dem Augenblick, in dem mir bewusst wird, dass ich die Empfindungen von Mama und Papa sozusagen als eigene übernommen habe, ich die andererseits auch wieder ablegen oder gegen andere austauschen kann. Diesmal aber wirklich eigene! Was manchmal ein bisschen kompliziert ist, denn erst einmal muss ich erkennen, was ich auch wieder nur von anderen übernommen habe, also von Menschen meines Alters oder von denen, die mir imponierten. Erst dann, wenn ich mich also wirklich von fremden Einflüssen distanzieren kann, erst dann kann ich mir der menschlichen Seelenkräfte bewusst sein, um zwischen diesen und dem sehr oft regelrecht aufgesetzten Verhalten unterscheiden zu können.

Das eine hat nämlich mit dem anderen nichts zu tun, auch wenn sie immer gemeinsam auftreten. Das Aktuelle verdeckt sehr oft das Grundsätzliche komplett, so das nur noch die absolut notwendigen Funktionen am werkeln sind. Es geht – für mich – in meinem Leben also darum, das Aktuelle mit dem Grundsätzlichen in Übereinstimmung zu bringen – und nicht etwa in Einklang. Davor und dafür muss ich mich aus der Klammer alter Geschichten lösen, nicht aber von dem Grundsätzlichen. Es geht also darum, meine eigene Maske zu erkennen, hinter der ich mich verstecke – ohne dass ich mir dessen bewusst wäre. Autsch, möchte ich da sagen. Denn es ist nicht so angenehm mir einzugestehen, dass ich mich lange, lange Zeit hinter einer Maske versteckt habe. Dass ich das nicht einmal bemerkte, macht es leider auch nicht besser.

Mir dessen bewusst zu werden ist wirklich nicht so einfach, denn schließlich kann ich ja nichts dafür, in welche emotionale Situation ich mich da hineinmanövriert habe. Und das habe ich wirklich selbst gemacht. Als Kind und als Jugendlicher bin ich mir sicher nicht bewusst, dass ich nicht der bin, der ich zu sein scheine, aber das macht es auch nicht besser. Das, was ich zu sein schien, das war auch nur die Fortsetzung einer alten Geschichte. Das, was ich aber tatsächlich bin, das ist etwas sehr Fundamentales. Sehr schwer zu beschreiben, denn es ist formlos. Je mehr ich damit in Kontakt komme, desto besser kann ich mir selbst die Form geben, mit der ich mein Leben gestalten möchte – statt ich die Form anderer übernehme – wie gesagt, ohne mir dessen bewusst zu sein.

Dass ich oft nicht in Übereinstimmung mit meinen Eltern war, was bei mir eher der Normalfall und nicht etwa die Ausnahme war, dass ich also ganz anders als sie selbst sein wollte, machte mein Dilemma nur noch größer. Denn damit lehnte ich auch das Grundsätzliche ab, was ich aber, wie ich heute weiß, zum Leben brauchte und brauche. Dass das überhaupt nichts mit dem zu tun hat, wie sie lebten, konnte ich ich einfach nicht erkennen. Dumm gelaufen. Es ist wirklich schwierig, nicht vor dem die Augen zu verschließen, was sie verbockt haben, um es einmal nett auszudrücken, gleichwohl aber anzuerkennen, dass ich selbst nur durch sie am Leben bin. Das hat mich in einen argen Zwiespalt gebracht, den aber nicht meine Eltern austragen mussten, sondern den ich höchst persönlich lebte und mit mir austragen musste.

Anders als ein Tier, jedenfalls nehme ich das einmal an, haben wir Menschen uns eine zweite Welt geschaffen, nicht nur eine körperliche und emotionale, sondern auch eine intellektuelle. Ganz grundsätzlich lässt sich wohl sagen, dass diese beiden Aspekte nicht immer (oder doch eher sehr selten?) gut miteinander harmonieren. Wir lernen zwar sehr viel, doch wie wir diese beiden Welten in Übereinstimmung miteinander bringen können, das lernen wir sehr selten. Aber was solls, in dem Moment, in dem ich das begriffen habe, kann ich damit anfangen und zu leben, wie ich tatsächlich bin. Das ist jedoch erst einmal ‚nur‘ eine Entscheidung. Sie umzusetzen ist schon eine Herausforderung, vor allem dann, wenn die Menschen um einen herum ganz anders leben als ich selbst.

Doch was bedeutet dieses „anders“ leben wollen für mich? Ein Tier hat definitiv den Vorteil, sozusagen permanent im Flow zu leben. Ganz anders als wir Menschen, uns kommt immer wieder der Verstand in die Quere. Letztlich geht es also darum, nicht dem Verstand zu folgen, sondern ihn sinnvoll zu nutzen.

Lange Zeit haben wir versucht, dafür irgendwelche gedankliche Konstrukte, wie Religion oder Mystizismus zu nutzen, um der Falle des Verstandes wieder zu entkommen. Dabei ist es ganz einfach, denn wir können mittels unseres Verstandes eine Lebensform finden, die in Übereinstimmung mit unseren grundsätzlichen Qualitäten ist und uns ermöglicht, den Schattenseiten des Denkens zu entkommen, also dem nicht in Harmonie befindlichen Denken, jedoch ohne auf den Verstand zu verzichten.

Aber, wie gesagt: Es ist nie zu spät, sich auf sich selbst zu besinnen. Und wie sagt doch Huang-po? Euer wahres Wesen ist euch niemals verlorengegangen, selbst nicht in den Augenblicken der Täuschung, noch wird es im Augenblick der Erleuchtung gewonnen. Genau so ist es. Wir dürfen nie vergessen, dass wir das wunderbar negieren können. Bis hin zu den schrecklichsten Taten. Wird man sich bewusst, dass es tatsächlich so ist, was Huang-po da sagt, darf man nur nicht der Versuchung erliegen, sich für erleuchtet oder so einen Schwachsinn zu halten und zu glauben, jetzt sei man ein guter Mensch.

Weit gefehlt! Jetzt hat man nur die Option, sozusagen ein guter Mensch zu sein, also durch das, wie man sein Leben zukünftig organisiert, wie man lebt und anderen begegnet. Üblicherweise denken wir ja, sprechen wir über Möglichkeiten, wir hätten eine Wahl. Doch das ist, wie wir heute wissen, ein gedanklicher Irrtum, denn so zu denken legt uns fest auf das, was wir zu wählen glauben. Wir haben keine Wahl, sondern wir definieren selbst (!), was möglich sein wird. Also keine Wahl, sondern stattdessen vollkommene Offenheit! Ich nenne das wirkliche Freiheit. Wie schon Erich Fromm sagte, haben wir oft oder sogar meist genau davor Angst, denn diese Freiheit bedeutet absolute Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Niemand mehr da, dem man die Verantwortung für das eigene Leben in die Schuhe schieben könnte.

Also Schluss mit Verboten und Geboten oder auch dem Laissez-faire, sondern stattdessen wirklich in Beziehung sein. Das kann ich nur dann sein, wenn ich meinen eigenen Weg gehe. Aber eben nicht egoistisch.

Veröffentlicht in Reflexionen