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Empfindungen und Gedanken

Als ich mich von einer einzigen Zelle zu dem Wesen entwickelte, das dann nach 9 Monaten geboren wurde, empfand ich jede Menge, doch ich dachte über nichts nach, ich empfand nur. Da gab es kein „Gut“ und kein „Böse“, kein „Richtig“ und kein „Falsch“. Nichts war da in Ordnung und nichts in Unordnung.

Doch ich kann nicht behaupten, dass deswegen alles gut gewesen wäre, ich dachte nur nicht in diesen Kategorien, ich empfand eben nur. Heute unterscheide ich zwischen angenehmen und unangenehmen Empfindungen, zwischen „mag ich“ und „mag ich nicht“ oder „ist mir egal“. Wenn ich mich verletze und Schmerzen habe, dann sage ich laut „Sch…“ und finde das alles andere als gut. Aber ich denke nicht „gut“ oder „schlecht“, nur wenn ich darüber rede, gebrauche ich diese Begriffe.

Als ich heute circa 3 1/2 Stunden nach Hause fahren musste, herrschte ein extremer, stürmischer Wind. Auf dem Motorrad nicht so angenehm, im Stehen musste ich aufpassen, dass ich nicht umkippte. Im Fahren ging es, doch ich musste ständig den Seitenwind ausgleichen. Keinen Augenblick, in dem ich einmal entspannt hätte dahinfahren können. Als ich ankam war ich erst mal ziemlich geschafft. Es hatte mich nicht nur äußerste Konzentration gekostet, sondern auch körperliche „Arbeit“, da ich ja ständig das immerhin über 200 kg schwere Motorrad austarieren musste, um es in der (schrägen) Horizontale halten zu können.

Da war natürlich auch jede Menge implizites Wissen am Werk, mein über 4 Jahre hinweg angesammeltes Erfahrungswissen über das Verhalten meines Motorrades. Das kombiniert mit den Empfindungen und unkommentierten Wahrnehmungen, die ich hatte, reagierte ich (für meine Verhältnisse) perfekt. Mit mehr Übung, also mehr Erfahrungswissen, hätte ich sicher noch besser reagiert, souveräner. Das Entscheidende aber war (ohne „wohl“!), dass ich dabei nicht nachdachte. Ob man diesen inneren Prozess, der dabei stattfand, auch „denken“ nennen kann oder muss, kann ich nicht sagen. Jedenfalls ist mir dieser innere Prozess nicht so bewusst, dass ich ihn nachvollziehen könnte, ich sah beziehungsweise erlebte nur das Ergebnis. Ich kann nur beschreiben, was passierte, aber ich kann es nicht definieren.

Es ist eben ein äußerst komplexer Vorgang. Und als solcher lässt er sich nun einmal nicht definieren, nur beschreiben. Mit anderen Worten: Ich war im Flow. Ein wirklich perfekter Zustand. Das Entscheidende war, dass ich absolut nicht über meine Reaktionen nachdachte, sondern auf meine Empfindungen unmittelbar mit meinem implizitem Wissen reagierte, jedoch ohne Bewertung und ohne zu urteilen. Was für mich die Frage aufwirft, weshalb ich das nicht immer so mache. Also auch Menschen so begegne. Es kommt ja nicht darauf an, was sie taten, sondern wie ich auf sie reagiere.

Es ist wie bei dem Sturm. Den interessiert auch nicht, was ich über ihn denke, entscheidend ist alleine, wie ich auf ihn reagiere. Und andere interessiert auch nicht, was ich über sie denke, es sei denn, sie fragen mich bewusst danach. Was aber nur sehr, sehr selten der Fall ist. Als ich noch im Bauch meiner Mutter zu Hause war und danach als Säugling reagierte ich genauso auf meine Empfindungen, denen ja meine Wahrnehmungen vorausgingen und gehen. Aber eben mit dem mir zur Verfügung stehenden, implizitem Wissen. Nur dass ich mit der Zeit viel mehr davon hatte, wesentlich mehr Erfahrungswissen. Doch irgendwann begann ich dann auch immer mehr theoretisches Gedankenwissen anzusammeln. Wie andere erwarten, wie ich mich zu verhalten hätte, welche Gefühle ich nicht zeigen sollte und was hilft, um etwas zu bekommen.

Mit anderen Worten: Ich begann eine Show zu inszenieren. Einfach, weil ich über die Dinge nachdachte, sie einzuordnen suchte. Doch dafür musste ich sie kategorisieren und regelrecht katalogisieren, damit ich sie in die „passende“ Gedanken-Schublade einsortieren konnte. Dafür musste ich logischerweise in den Kategorien „richtig“ und „falsch“ denken. So zu denken macht ja auch Sinn, aber definitiv nicht, wenn es um komplexe Dinge geht. Leider haben wir Menschen damit begonnen, uns derart viel auf unsere mechanischen Entdeckungen einzubilden, dass wir damit begannen, alles, was uns so unterkommt, in diese Kategorien einzuordnen. Merkbar ist das an unserer Sprache, die einer Struktur folgt, die alles ist, nur eben nicht komplex. Doch damit taten wir uns absolut keinen Gefallen und tun das dummerweise noch immer. Das Gegenteil ist der Fall, denn wir blenden dadurch die Komplexität ziemlich komplett in unserem Denken aus. Nur sind wir Menschen wie alles Lebendige eben genau das: komplex. Das zu verstehen und damit umgehen zu können ist aber die Voraussetzung, überhaupt einigermaßen sinnvoll miteinander umgehen zu können.

Wir versuchen andere zu verstehen, doch das geht eben nicht. Das ist ungefähr so, wie wenn ich die Brandung an der See betrachte und dann glaube, ich wüsste, was da für ein Prozess im Gange ist. Weit gefehlt. Und genau so ist es auch, wenn ich denke, ich könnte einen anderen Menschen nicht verstehen. Das kann ich nicht. Ich kann ja nicht einmal mich selbst verstehen. Aber ich kann statt über andere oder eben mich selbst nachzudenken wahrnehmen, was ich empfinde; was etwas ganz anderes ist als meinen Emotionen anzuhängen. Emotionen, das ist, um bei dem Bild des Meeres zu bleiben, die Gischt und die Wellen – aber nicht mehr. Empfindungen jedoch gehen viel tiefer, sie gehen mir selbst auf den Grund. Die Herausforderung, um überhaupt in das Empfinden zu kommen, besteht darin, absolut nicht zu urteilen oder jemanden oder etwas zu beurteilen. Die Schwierigkeit besteht darin implizit zu wissen, wo ich doch urteilen sollte, etwa ob ich um nach Erlangen zu fahren in Forchheim Richtung Norden oder doch eher in Richtung Süden fahren muss, will ich zügig dort ankommen.

Wie sagt doch Huang-po in „Der Geist des Ch’an“ ganz richtig: „Viele haben Angst, ihren Geist leer zu machen. Sie fürchten, in die Leere zu fallen, und wissen nicht, dass ihr eigener Geist die Leere ist. Der Unwissende enthält sich der Erscheinungen, aber nicht der Gedanken; der Weise enthält sich der Gedanken, nicht aber der Erscheinungen.“ Die Herausforderung ist nur zu wissen (implizit!), wann das in unserer hochtechnisierten Welt eben nicht gilt und wann es nicht um Technik, sondern um Lebendiges geht. Die wirklich spannende Frage aber ist, wie ich sicher stellen kann, dass ich mich in jedem Augenblick an diese Maxime halte? Schließlich weiß ich ja, dass ich nie bewusst im Sinne von überlegt handle, sondern immer automatisch. Wobei ich dabei ganz klar sehen muss, dass im gewöhnlichen Verständnis die Konnotation dieser Begriffe eine ganz andere ist.

Eigentlich bräuchten wir für Denken, Bewusstsein, Wahrnehmung und all diese mentalen Dinge jeweils mindestens so viele Begriffe, wie Eskimos für Schnee haben, wollen wir einigermaßen sinnvoll drüber reden können. Wobei wir dabei nie vergessen dürfen, dass ein Begriff die Sache an sich nicht abbilden kann. Ist man jedoch einer Meinung, hat man also den selben Informationsstand darüber, dann kann man mit gut differenzierten Begriffen auch darüber reden. Soviel ich auch nachdenke und überlege, handeln werde ich immer auf einer anderen Ebene. Doch um das im Zustand des Flow tun zu können, muss ich meinen Geist so leer machen, wie es Huang-po beschreibt. Nur geht das eben nicht auf Kommando. Also muss ich mir was dazu überlegen, wie ich es sozusagen trainieren kann, so dass es mir in Fleisch und Blut übergeht. Wie Motorrad fahren können – ohne darüber nachzudenken. Denn sobald ich darüber nachdenken muss, was ich tun sollte, ist es schon längst vorbei.

Es geht also nur mit und durch Propriozeption. Die gibt es ja nicht nur für das Bewusstsein des eigenen Körpers, sondern auch für das eigene Denken. Nur dass diese Art des Bewusstsein nicht so ist, dass ich mir dessen reflektiv im Augenblick meines Tuns explizit bewusst sein könnte. Ein Ch’an Mensch würde dazu wohl Wissen durch Nicht-Wissen sagen. Wir haben in unserer Sprache einfach keine Begriffe für solche komplexen inneren Zustände. Aber egal, die entscheidende Frage ist, wie ich da hinkomme. Beim Motorradfahren ist das einfach. Ich nehme ein Motorrad und fahre damit. Doch wie kann ich komplex denken? Ganz einfach, ich brauche etwas zum Üben. So wie das Motorrad, mit dem ich körperliche Propriozeption einüben kann. Und geistige Propriozeption des Denkens übe ich am einfachsten durch eine entsprechende Kultur. Indem ich aufhöre, über andere zu urteilen und sie zu bewerten. Das wäre der Anfang. Dafür brauche ich stete Bewusstheit, Achtsamkeit und eine innere Aufmerksamkeit. Das alles wiederum kann ich in mir selbst durch eine konsequente Lebenshaltung generieren. So wie ich mich seit einiger Zeit im Stehen anziehe. Was nicht geht, wenn ich mir meines Körpers nicht bewusst bin. Und genau so verhält es sich auch mit meinem Denken.

Nicht zu urteilen und nicht zu beurteilen kann ich nur so erreichen. Da gibt es dann kein „Gut“ und kein „Böse“, kein „Richtig“ und kein „Falsch“. Nichts ist da in Ordnung und nichts in Unordnung. Doch das bedeutet nicht, dass damit alles „gut“ wäre, wie manche sagen. Wenn ich nicht mehr urteile, bleibt das Schlechte schlecht, doch ich beginne dann dahinter zu schauen. Und genau darum geht es. Jedoch nicht bei dem oder den Anderen, sondern bei dem Menschen. Denn so zu sein ist nun einmal unsere Art. Doch das darf mich nicht dazu bringen, dass das auch natürlich sei. Das ist es nämlich nicht, denn wir Menschen leben nicht mehr in dem natürlichen Einklang mit Allem, wie es nicht domestizierte Tiere tun. Wir Menschen haben uns durch unsere Evolution in eine Schieflage gebracht. Und die gilt es sehr bewusst wieder auszugleichen. Das kann ich nicht bei anderen bewerkstelligen. Aber bei mir, da kann ich es tun.

Nur nicht zu urteilen und nicht zu beurteilen ist, zumindest zu Beginn, wesentlich schwieriger, als ich glauben wollte. Einsichtig ist es fraglos, doch es wirklich nicht zu tun stellte mein eigenes Selbstverständnis, meine eigene Identität vollständig in Frage. Aber das merkte ich dummerweise nicht. Wie auch? Ich stelle doch meine Identität nicht einfach so in Frage! Die Maxime in meinem Leben war immer, dass ich „etwas“ werden müsste, „etwas“ sein sollte. Erst werden, dann sein. Und genau so lebte ich auch. Immer auf der Suche, etwas darstellen zu müssen, zu sollen und letztlich auch noch zu wollen. Was auf Deutsch heißt, dass so, wie ich war, ich scheinbar nicht richtig beziehungsweise nicht komplett war. Und das dachten nicht nur die anderen, sondern ich auch.

Doch einfach so sein, wie ich bin, kann das überhaupt richtig sein? Da kam immer ein klares „Nein!“ – von mir selbst. Denn so wie meine Eltern wollte ich wirklich nicht sein. Nur wie konnte ich anders als meine Eltern sein? Was musste ich an mir selbst ändern? Ich suchte die Lösung in NLP und psychologischen Konzepten. Aber irgendwie funktionierte das nicht. Jedenfalls hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich begriff, dass ich wie meine Eltern war. Schließlich war ich auch ein Mensch, genau wie sie. Also hatten ich die identische Grundausstattung wie auch sie. Was selbstverständlich auch bedeutet, dass ich in den Dingen, die ich bei ihnen ablehnte genauso sein konnte. Nichts würde mich davor schützen können, auch so zu werden. Es waren ja nicht nur meine Gene, sondern auch meine ganzer „Aufbau“, der eben menschlich ist. Und aus der gesellschaftlichen Welt, in der ich lebe komme ich nun einmal nicht raus.

Bin ich also ein Gefangener meines eigenen Mensch-Seins? Die Antwort ist ein klares „Jein“. Ich kann zwar nicht anders sein als ich bin, aber ich kann anders leben. Das ist immer meine eigene Entscheidung. Was wiederum eine klare Form verlangt, eine eindeutige Ausrichtung und beharrliche Konsequenz wie Selbstdisziplin. Modelle und Konzepte helfen mir da nicht weiter, sondern nur eine eindeutige Lebensform, eine die meinen eigenen Ansprüchen genügt. Wer glaubt nicht, dass der, der mordet, nicht normal wäre. Dabei liegt das Töten in unserer Natur. Nur wenn wir das akzeptieren, können wir anders sein. Das schreibt Hans-Ludwig Kröber in einem Essay in der Zeit. Und so ist es auch. Eine Tatsache, die es mir als Anwalt immer sehr schwer machte, Mörder oder Totschläger zu verteidigen. Sie fühlten sich meist so verdammt im Recht. Kein wirkliches, kein echtes Unrechtsbewusstsein. Sonst hätten sie ja auch nicht getötet. Eines habe ich letztlich daraus gelernt:

Nur eine bewusst gelebte Ethik kann mich davor bewahren so zu sein, wie ich nicht sein will.

Veröffentlicht in Reflexionen