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Ein Widerspruch, der keiner ist

Dass Quantenphysik ‚funktioniert‘, kann niemand ernsthaft bestreiten. Man kann ihre Erkenntnisse nur ausblenden, wenn die damit einhergehenden fundamentalen Einsichten dem eigenen Weltbild widersprechen.

Wir nutzen ganz selbstverständlich die technischen Möglichkeiten, die dieses neue und weitergehende Verständnis uns bietet, doch nur wenige sind bereit, sich auch philosophisch mit diesen Erkenntnissen auseinanderzusetzen. Das Weltbild der Quantenphysik ist ganz anders als das Weltbild der klassischen Physik. Doch wer gibt schon gerne sein Weltbild auf, vor allem, wenn man sein Leben damit managt?

Viele wissen nicht, dass unsere gewöhnlichen Annahmen, wie Dinge ‚funktionieren‘ bis hin zu psychischen Fragen auf der Grundlage der klassischen Physik basieren. Mit der klassischen Physik kennen wir uns sehr gut aus, selbst wenn wir glauben, keine Ahnung von Physik zu haben. Unsere Sprache hat die identische Logik und Struktur. Und diese Sprache ist eine Bedingung unseres bewussten und ausdrückbaren Weltverständnisses. Und genau diese Grenze gilt es zu überwinden.

Soweit mein Prolog. In meiner Beschäftigung mit Ch’an (Zen) hatte sich vor mir eine schier undurchdringliche Mauer aufgetan, die sich einfach nicht auflösen wollte. Vieles schien mir einfach zu abstrakt, zu lebensfremd. Das änderte sich als mir bewusst wurde, dass sich Zen-Menschen und Quantenphysiker sehr gut über grundsätzliche Fragen zur Wirklichkeit unterhalten können. Das motivierte mich, es einmal genauer zu betrachten.

Wahrscheinlich begann es damit, dass ich die bei uns im Westen übliche gedankliche Trennung von Körper und Geist zu hinterfragen und letztlich als unzutreffend zu erkennen begann. Mein Körper wie mein Denken basieren ja auf exakt der gleichen Materie, die auch die Quantenphysiker untersuchten und noch immer untersuchen. Meine Schlussfolgerung: Will ich mich und die Welt verstehen, muss ich auch das Verständnis der Quantenphysiker akzeptieren, schließlich ‚funktioniert‘ es ja. Und eben nicht nur bei meinem CD-Spieler oder bei der Reise zum Mond, sondern bei jeder Form von Materie, also auch bei allem Lebendigen.

Wahrscheinlich kommt genau da das Unbehagen her, das viele Menschen beschleicht, wenn die natürlichen Gesetzmäßigkeiten auf Lebendiges wie auf materielle Dinge Anwendung finden sollen. Die scheinbaren Widersprüche, die sich damit fast zwangsläufig einstellen, resultieren jedoch in nichts Anderem als einem falschen Denken. Wofür niemand etwas kann, denn wir haben es wohl alle erst einmal anders gelernt. Das ist jedoch kein Grund, sich dem Mystizismus hinzugeben, sondern genau zu verifizieren, was ist, wobei ich persönlich mich erst einmal auf belebte Materie konzentriere. Ist definitiv einfacher. Was ich empfinde kann ich sagen, aber nicht, was den Schrank mir gegenüber ausmacht.

Jedenfalls beschränke ich mich solange auf mich selbst, bis ich es einigermaßen kapiert habe. Etwa die Tatsache, dass der Stuhl, auf dem ich sitze, eigentlich aus Nichts besteht. So wie ich auch. Also muss ich mich fragen, was einen Körper entstehen lässt. Den Sessel wie meinen eigenen. Dadurch wird es nicht komplizierter, sondern wesentlich einfacher. Es ist nämlich ganz einfach: Was ich nicht denken kann, existiert nicht für mich. Ich muss nur die darin liegende Komplexität händeln lernen.

Doch dazu muss ich sie erst einmal kennen lernen. Wenn ich sie kenne, kann ich sie mit meinem bisherigen Wissen verknüpfen und daraus neues Wissen generieren. Ich darf nur nicht vergessen, dass beide Sichtweisen ihre Berechtigung haben. Darum höre ich gerne die Musik meiner Jugend und Bach, am liebsten auf der Orgel. Erst zusammen entfalten sie ihr wirkliches Potenzial. Und das ist bei sehr, sehr vielen Dingen so. Etwa beim Tanzen eines Tangos. Der weibliche wie der männliche Aspekt ist fundamental, nicht verzichtbar.

Und genauso unverzichtbar sind die Rätsel, die die Natur uns aufgibt und die wir dank der Quantenphysik beginnen, wahrzunehmen. Doch das Entscheidende ist, dass wir darauf gerade Antworten zu finden beginnen. Diese offenen Fragen wollen beantwortet sein, wollen wir wahrhaftig leben können.