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Eigenständigkeit

Lange Zeit habe ich mich voller Eigenständigkeit gewähnt. Ich glaubte ernsthaft, „meinen“ Weg zu gehen. Doch letztlich war es nur eine Maskerade.

Wie Menschen sich zu Fasching aus einem Koffer eine Kostümierung heraussuchen und eine Rolle spielen, so habe auch ich eine Maske aufgesetzt und und eine Rolle gespielt. Aber nicht nur im Fasching, sondern im Alltag, tag täglich.

Der „Koffer“, aus dem ich mich bediente, war voller Ansichten, Konzepten und Methoden, bis obenhin angefüllt mit psychologischem Wissen. Daraus habe ich mich bedient.

Und wie absolut sicher ich mir war, dabei eigenständig zu sein! Das war die eigentliche, die wirkliche Maske, die ich trug!

Verantwortlich sind nicht die, die diese Masken zur Verfügung gestellt haben, sondern ich, denn ich habe mich ihrer bedient. Es war alleine meine Entscheidung.

Erfreulicherweise bin ich dabei ordentlich ins Stolpern gekommen. Das war mein Glück, sonst liefe ich noch immer mit einer mir nicht bewussten Maske herum.

Ob ich sie wirklich abgelegt habe, das kann ich nicht sagen, das können nur andere. Aber mich vor Masken zu hüten und jeglicher Maskerade aus dem Weg zu gehen, das ist allein mein Job.

So unterjocht der Tyrann die Untertanen, die einen durch die andern, und wird von eben denjenigen gehütet, vor denen er, wenn sie Männer wären, auf seiner Hut sein müßte.“

Geschrieben hat das Étienne de La Boëtie in „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“. Ein Satz, dem nichts hinzuzufügen ist, außer natürlich, dass das auch für Frauen gilt. Es geht allein um mich selbst und die Frage „Wie lebe ich?“ Das muss ich vor mir, der Gesellschaft und dem Kosmos verantworten können.

Das Leben stellt mir immerfort die Frage, wie ich lebe; wieder und wieder.

Veröffentlicht in Gedanken I