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Die physikalische Wirklichkeit

Wenn man bereit ist zu akzeptieren, dass man die Wirklichkeit noch nicht wirklich sieht (schönes Bonmot, nicht?), dann wird es recht einfach.

Die Realität, in der wir zu leben und die wir wahrzunehmen glauben, ist eine Realität, in der die Dinge unabhängig voneinander existieren, wo die Dinge klar definiert und von einander abgegrenzt sind und wo die Objekte nur eine Position und nur eine Geschwindigkeit zu haben scheinen. Wir nennen dieses Weltbild ›klassisch‹, weil Wissenschaftler früher dachten, die Welt funktioniere so – bevor die Quantenphysik kam und alles veränderte.

Die Frage ist also, ob etwas eine dinghafte, für sich bestehende Existenz besitzen kann oder nur empirisch existiert; ob etwas etwas ein Anderes erzeugen kann; genauso die Vorstellung, dass Systeme nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind und ob es Subjekte und Objekte geben kann.

Die Antwort ist nein: Nichts hat eine dinghafte Existenz, existiert nur empirisch, nichts bedingt etwas anderes, das Ganze ist nicht die Summe seiner Teile und es existieren weder Subjekt noch Objekt. Alles bedingt sich nur gegenseitig.

Die gedankliche Konsequenz aus der Quantenmechanik kann zu einer Befreiung von extremen Wirklichkeitsbegriffen führen, die auch unseren modernen Denkweisen zugrunde liegen.

Mit anderen Worten: Es ist alles auf Sand gebaut und noch nicht einmal die Sandkörner haben einen festen Kern, ihre Stabilität basiert auf der instabilen Wechselwirkung ihrer Bestandteile. Exakt so lassen sich die Ergebnisse der fundamentalen Fragen beantworten, die die Quantenphysik aufwirft.

Der quantenphysikalische Wirklichkeitsbegriff lässt sich mit Hilfe von drei Schlüsselbegriffen darstellen: Komplementarität, Wechselwirkungen und Verschränkungen. Wobei schon die ersten beiden Phänomene genügen, unser Selbstverständnis so richtig ins Wanken bringen können.

Über Verschränkung will ich hier nicht schreiben, denn was Verschränkung für mich bedeutet, habe ich noch nicht so wirklich feststellen können, bisher bin ich über Vermutungen nicht hinausgekommen. Aber geben tut es sie, Anton Zeilinger arbeitet ja schon fleißig damit, auch wenn Einstein nicht daran glauben wollte und sie spukhafte Fernwirkung nannte.

Eines der bekanntesten Versuchsanordnungen ist das Welle-Teilchen-Experiment. Doch schon der Name macht das eigentliche Problem offensichtlich. Der Name manifestiert regelrecht den Dualismus, der bei der Erscheinung von Lichtquanten mal als ‚Welle‘ und mal als ‚Teilchen‘ wahrgenommen wird.

Dabei ist es die Art, wie wir darüber denken, die den Dualismus entstehen lässt. Bei diesem Versuch beobachten wir ein Phänomen, das wir uns schlicht noch nicht vorstellen, also seinen Sinn nicht erklären und auch nicht mit einem Begriff be- und umschreiben können.

Wir haben in unser Weltbild ein dualistisches Grundkonzept ‚eingebaut’, das ist sozusagen das Fundament, auf dem letztlich unsere Ansichten gründen, nämlich, dass die elementaren Bestandteile der Dinge Substanz und Beständigkeit haben. So dachten auch die griechischen Naturphilosophen, sie nannten das Atomismus. Auch wenn alles andere wechselhaft ist, die Atome sind es nicht.

Nur ist dem leider nicht so, was wiederum bedeutet, dass unser bisheriges Weltbild kein belastbares Fundament hat. Niels Bohr war es, der den Begriff der Komplementarität in die Quantenphysik einbrachte, da das Wellen- und das Teilchenbild nicht zwei getrennte, sich widersprechende Bilder darstellen, sondern sich gegenseitig ergänzen und nur gemeinsam eine vollständige Beschreibung der physikalischen Erscheinungen liefern.

Komplementarität bedeutete für Niels Bohr, dass es in der Quantenwelt nicht möglich sei, von selbständigen, unabhängigen, objektiven Quantenobjekten zu sprechen, da diese unter einander und auch mit dem Messgerät in Wechselwirkung stehen. Mit anderen Worten: Der Beobachter ist nicht vom Beobachteten zu trennen; der Beobachter ist für das Beobachtete mit verantwortlich. Damit steht fest, dass das, was wir subjektiv wahrnehmen, nie die ganze Wirklichkeit sein kann, was jedoch eine absolute Wahrheit ist, denn das kann beim besten Willen niemand leugnen.

Was einen unmittelbar zu der weiteren Erkenntnis bringt, dass die Grundbausteine der Materie nicht einzelne, von einander unabhängige Objekte sind, sondern Zwei-Körper-Systeme, je nachdem, was man ‚anschaut’ oder untersucht.  Meine Frau und ich sind ein solches System, schaue ich hingegen nur mich an, dann finde ich auch hier eine Menge von solchen Systemen.

Wo man auch hinschaut, überall ist ‚Beziehung’ feststellbar. Nichts existiert ohne eine Beziehung zu etwas anderem. Letztlich ist die Welt ein einziges Netz von Beziehungen, die alle für sich existieren und zwei Körper verbinden, doch es ist gleichermaßen Eins, denn nichts wirkt für sich getrennt. Es ist immer die Frage, wie man das System definiert, das man betrachtet.

Wichtig ist zu sehen, dass die einzelne Beziehung ganz konkret besteht, aber auch die anderen Beziehungen wie das ‚größere‘ Prinzip. Diese ‚Beziehungen‘ bezeichnen wir manchmal als Kraft, Energie, Spannung etc., aber es ist immer nur der Versuch, ein spezifisches Phänomen kommunizierbar zu machen.

Die Beziehung oder Wechselwirkung ist ein Teil des Dings an sich, ob es sich um ein Elektron oder ein größeres System handelt. Es kommt also immer auch auf das ‚Gegenüber‘ an, das, womit das einzelne Element in Beziehung steht. Einsteins E=mc² lässt grüßen! Masse ist also keine feste Größe, sondern lässt sich nur als Äquivalenz von Masse und Energie beschreiben.

Doch es geht noch weiter. Wenn man ganz genau hinschaut und wie die Physiker es tun, die Dinge in immer kleinere Einzelteile zerlegt, landet man irgendwann bei den Quarks. Die hat man noch nie als einzelne, isolierte und unabhängige Teilchen beobachtet. Trennt man zwei Quarks mit Gewalt, entstehen sofort neue, die sich zu Paaren oder Trios verbinden.

Das Entweder-Oder-Schema des Subjektivismus (nichts steht über allem anderen, auch nicht Bewusstsein) und des Substantialismus (nichts hat eine Substanz, alles existiert allein empirisch) hat somit ganz klar ausgedient. Und auch der sehr beliebte Holismus (natürliche Systeme sind als Ganzes und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten) wie der oft ins Feld geführte Instrumentalismus (wissenschaftliche Theorien seien nichts weiter als Werkzeuge) sind mit einem dicken Fragezeichen zu versehen.

Diese diffuse und ‚wolkenhafte’ Erscheinung der Materie entspricht nicht unseren traditionellen metaphysischen Erwartungen von allem, was Stabilität, Substanz, Festigkeit, Dauerhaftigkeit und Ordnung darstellen und grundlegend sein soll. Wie können Wolken das sein, was wir gewohnt sind, die Grundbausteine der Materie zu nennen?

Was bleibt dann? Da wird es für den materialistisch denkenden Menschen schwierig, denn das einzig Beständige, was bleibt, ist etwas für ihn wenig Fassbares wie Geist. Doch spreche ich über Wille, Bewusstsein, Beziehung oder Intelligenz, dann spreche ich genau davon, Phänomene des Geistigen.

Wirklichkeit ist demnach nichts Statisches, Festes, Unabhängiges, sie besteht überhaupt nicht aus einzelnen, isolierten materiellen oder immateriellen Faktoren, sondern aus Systemen abhängiger Körper. Ob Elektron und Positron, Quark und Antiquark oder Elementarteilchen und Kraftfeld, nie treten Dinge einzeln, sondern immer mit einem anderen Ding zusammen auf. Doch sie sind weder richtig getrennt noch richtig miteinander verbunden, noch fallen sie zusammen noch auseinander.

Ich gebrauche ja gerne das Bild von dem Strand und den Sandkörnern, auch da muss man gedanklich aufpassen, denn die Sandkörner haben keinen festen Kern. Das einzige, was wirklich ist, ist die Wechselwirkung ihrer Bestandteile.

Wie sagte doch Max Planck? ‚Alle Materie existiert und entspringt nur durch eine Kraft. Wir müssen annehmen, dass hinter dieser Kraft ein bewusster intelligenter Geist steht. Dieser Geist ist die Matrix aller Materie.‘ Und da auch ich aus Materie bestehe, gilt das auch für mich. Eine ganz schöne Herausforderung, so zu denken, will ich dem wirklich gerecht werden!

Mit der Erkenntnis, dass die Welt und alles, was in ihr passiert, nicht exakt definierbar sondern komplex ist hat, jedenfalls mir, erst einmal den Boden unter den Füßen weggezogen. Was mir auch Lebendiges begegnet, es ist auf derart vielen Komponenten aufgebaut, die selbst auch immer noch im Fluss sind, dass ich nie wissen kann, welchen Regeln es diesmal folgen wird. Es gibt einfach keinen Instruktor, der die Regeln vorschreibt.

Das ist das eigentliche Problem, nämlich dass es Überwindung kostet, das eigene Weltbild als Illusion zu enttarnen. Es sind nicht irgendwelche Verschwörungseliten, die uns manipulieren und uns das nicht wissen lassen wollen, nein, es ist unsere eigene Angst die uns beschleicht, wenn wir das Gefühl haben, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Doch genau darum geht es.

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