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Die philosophische Wirklichkeit

Wenn ich selbst der Kosmos bin,
was suche ich dann zu erkennen,
wenn ich mich selbst reflektiere?

Gute Frage, nicht? Die Antworten, die ich darauf gefunden habe, verbindlich natürlich nur für mich, sind etwa, dass ‚ich‘ zwar existiere, aber nicht als etwas Beständiges, sondern als einen stets in Bewegung befindlicher, geistiger Prozess. Es gibt mich zwar, doch nicht als etwas Definierbares, nur Beschreibbares.

Was ich auch erkannt habe, das ist, dass der Kosmos auch Zerstörerisches kommentarlos zulässt. Würde er das nicht tun, gäbe es das Destruktive in der Welt nicht. Und es ist genauso destruktiv, dies als einen notwendigen Gegenpol des Konstruktiven zu sehen oder Hexen, Teufel wie Götter dafür verantwortlich zu machen. Für mich habe ich verstanden, dass das allein an uns selbst und unserer inneren Haltung liegt.

Es ist immer allein meine Entscheidung, was ich tue oder nicht tue, und zu der muss ich auch stehen. Verantwortung auf andere abzuschieben ist nicht. Das setzt voraus, dass ich bestmöglich weiß, wie die Dinge organisiert sind. Gehen meine Frau und ich davon aus, dass wir uns gegenseitig nicht beeinflussen würden, wird unsere Haltung eine andere sein, als wenn wir davon ausgehen, dass das, was der eine tut auch den anderen unmittelbar beeinflusst.

Oder wenn ich der Überzeugung bin, dass es nicht egal ist, ob ich ohne zu grüßen an einem anderen vorbeilaufe, dann werde ich eine entsprechende innere Haltung und damit eine andere Haltung dem anderen gegenüber haben, ich ‚sehe‘ ihn dann anders, nehme ihn anders wahr. Doch das ist noch nicht alles, denn ich kann es aus Pflichtgefühl oder aus Einsicht in die Verbundenheit der Welt machen.

Die Quantenphysik zeigt, dass jedes einzelne System, also auch ich, für sein Handeln selbst verantwortlich ist, auch wenn es mit anderen Systemen interagiert und verbunden ist. Beides ist eben wahr. Die interessante Frage ist, welche Philosophie stimmt mit dem überein, was wir über die Wirklichkeit wissen, also was tatsächlich messbar und erlebbar ist.

Nils Bohr hat auszudrücken versucht, dass mit der Quantentheorie und ihren Einsichten in das Wesen der physikalischen Wirklichkeit die Brücke zum Denken der östlichen Philosophie betreten wurde. Auch andere führende Vertreter der Physik stießen auf die Unzulänglichkeit traditionell westlicher Philosophien im Umgang mit den neuen Herausforderungen, die die Doppelnatur der Wirklichkeit stellt.

Werner Heisenberg hat es so ausgedrückt: ‚Man kann die Wirklichkeit nicht definieren, man kann sie nur beschreiben.‘ Damit sagt er im Grunde das Selbe wie Huang Po, der einmal gesagt haben soll ‚Der Unwissende enthält sich der Erscheinungen, aber nicht der Gedanken; der Weise enthält sich der Gedanken, nicht aber der Erscheinungen. 

Zwei Sätze, die zu einer Lebensmaxime für mich geworden sind. Vor allem habe ich gelernt, mich vor extremen Konzepten zu hüten, da sie keinen Raum bieten, der Wirklichkeit angemessen zu begegnen. In der Quantenphysik ist es die Idee der Komplementarität. Zu jeder möglichen Beschreibung der Wirklichkeit gibt es eine ergänzende Beschreibung – kontinuierlich. Mit anderen Worten: ‚Der Beobachter ist nicht vom Beobachteten zu trennen; er ist für das Beobachtete mit verantwortlich.

Was sich an dem oft zitierten Beispiel des Doppelspaltversuchs ganz klar zeigt. Wenn wir einen Versuch bewusst beobachten, schaffen wir ein Faktum, das den ‚offenen‘ Quantenprozess kollabieren lässt und ihn eindeutig festlegt, was wiederum aber nicht der Beobachter ‚macht‘, sondern das Lichtquant selbst. Dieses einfache Experiment macht regelrecht ‚ein Fass auf‘, denn es stellt unsere so geordnet gedachte Welt einfach einmal auf den Kopf. Also nicht die Welt an sich, sondern unsere Vorstellung über sie und damit auch unsere Annahmen über uns selbst.

Dieses ‚Weltbild‘ gestalte ich über die Ideologie, die ich lebe und die wiederum – bewusst oder unbewusst – über ‚meine‘ Philosophie. Das große Thema ist also, dass Philosophie in der Existenz verkörpert wird, dass sie nicht als eine Disziplin, sondern als eine Art zukünftige Aktivität zu verstehen ist. Andererseits kann ich es auch umgekehrt betrachten, denn so, wie ich lebe, gibt mir das Hinweise auf ‚meine‘ Ideologie und Philosophie. Und das absolut ehrlich, denn wenn ich mich, etwa im Beruf, verstelle, dann weiß ich das – und ein aufmerksamer Beobachter auch.

Mit anderen Worten: Mein Denken beeinflusst ganz konkret die Gestaltung meiner Existenz. Viktor Frankl hat einmal gesagt, dass nicht wir dem Leben Fragen zu stellen haben, sondern das Leben fragt uns, wie wir zu leben gedenken. Meine Ideologie und Philosophie ist daher die Antwort. An welchen philosophischen Gedanken kann ich mich bei dem Finden meiner eigenen Philosophie also orientieren, Gedanken, die im Einklang mit den Prinzipien der Wirklichkeit sind?

Es beginnt mit etwas ganz Grundsätzlichem. Wenn ich die Wirklichkeit nicht definieren kann, kann ich sie nur untersuchen. Das machen Quantenphysiker und Wissenschaftler, aber auch das philosophische Gedankengebäude des Ch’an basiert darauf: Untersuchen, was ist. Und da ist vor allem Nagarjuna zu nennen, der große Denker des buddhistischen Weltbildes.

Es wird immer wieder festgestellt, dass es zwischen der buddhistischen Philosophie und den Erkenntnissen der Quantenphysik eine erstaunliche Parallelität gibt. Grund genug, die Philosophie Nagarjunas einmal genauer zu betrachten, um letztlich zu einer stimmigen Lebenshaltung finden zu können.

Das ‚Fundament‘ beider Denkrichtungen ist, dass die fundamentale Wirklichkeit nicht aus einem festen Kern besteht, sondern aus Systemen wechselwirkender Gegensätze. Wobei es tatsächlich keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzende, komplementäre Eigenschaften. Doch erst einmal erleben wir sie als Gegensätze.

Die Schwierigkeit im Umgang damit ist, dass diese Wirklichkeitsbegriffe unseren gewöhnlichen Denkstrukturen nicht entsprechen. Will man sie anwenden, hat man, bildlich gesprochen, erst ein mal das Problem zu lösen, vor dem auch die Ulmer Spatzen standen. Die Wirklichkeit, wie sie die Quantenphysik versteht, lässt sich nicht mit den substantiellen, subjektivistischen, holistischen und instrumentalistischen Wirklichkeitsbegriffen vereinbaren.

Nagarjunas Philosophie besteht hauptsächlich aus zwei Aspekten. Zum einen aus der Darlegung eines eigenen Wirklichkeitsbegriffs, nach dem die grundlegende Wirklichkeit keinen festen Kern hat und nicht aus unabhängigen, substantiellen Grundbausteinen, sondern aus Zwei-Körper- Systemen besteht, deren materielle oder immaterielle Körper wechselwirken.

Bedenkt man jedoch, dass allein unsere Sprache gerade nicht auf diesen Strukturen aufbaut, dann ist nicht zu verkennen, dass wir ein ernsthaftes Problem haben, bildet doch meine Sprache (erst einmal) die Grenzen meiner Welt. Wittgenstein lässt grüßen.

Es geht also um Substantialismus, Subjektivismus, Holismus und Instrumentalismus, wobei ich immer wieder das Gefühl habe, dass der Instrumentalismus sehr grundlegend ist, auch wenn er falsch ist. Ich halte es für bedenklich davon auszugehen, dass meine philosophischen Überlegungen und Theorien keine Widerspiegelungen der natürlichen oder sozialen Realität wären, sondern ausschließlich Werkzeuge, Instrumente oder Mittel zu deren Beherrschung bzw. zur Voraussage von Ereignissen sind. Ich gehe vielmehr davon aus, dass meine innere Haltung und mein Weltbild ganz klar die Richtung vorgeben, in der ich handle.

Dass ich – Thema Substantialismus –  wie auch jeder andere Mensch und jedes Lebewesen keine dinghafte, für sich bestehende Existenz habe, ist, finde ich jedenfalls, sehr leicht feststellbar. Ich brauch mir selbst gegenüber nur einmal ganz ehrlich zu sein und ich merke leicht, wie schnell ich mich ändere, wenn das Drumherum ein anderes ist.

Folgt man der Idee des Subjektivismus, dann stellt man leicht fest, dass es keine absolute Wahrheit gibt, alles relativ sei und jegliches Erkennen wie Handeln ausschließlich subjektiv gerechtfertigt oder begründet werden kann. Folgt man dem Subjektivismus konsequent, dann driftet das allzu leicht in Beliebigkeit oder Fatalismus ab, was dann schnell zu radikalen Theorien und auch Handeln führt. Eine Lösung besteht jedoch nicht darin, dem mit Moral und auch nicht mit Ethik entgegen wirken zu wollen, sondern einzig mit einem komplementären Wirklichkeitsverständnis.

Der Holismus versucht dem Dilemma zu begegnen, das Substantialismus und Subjektivismus hinterlassen. Es ist einfach unsinnig, zum einen Dinge als getrennt wahr- und anzunehmen, um sie dann über die Krücke des Holismus wieder zu einem Ganzen zusammen fügen zu wollen. Die Dinge der Welt sind eben keine selbstständige Einheit, aber auch nichts, was unabhängig von einander wäre.

Es dauert eine Weile, jedenfalls bei mir, bis man einem Gedanken wie den, dass es ohne Geher keinen Weg gibt, folgen kann, beziehungsweise versteht, was damit gesagt werden soll. Dieses Zwei-Körper-System kann nicht weiter zerlegt werden. Ich denke immer wieder, das Einstein das sehr wohl erkannt hat, als er nämlich provozierend fragte, ob der Mond auch dann da sei, wenn niemand hinschaut.

Das absolut Faszinierende ist für mich, dass die Quantenphysik auf der materiellen Ebene zu exakt den selben Schlüssen gekommen ist. Alles Existierende ist ein System aus zwei materiellen oder immateriellen Komponenten, die sich ergänzen. Das eine existiert nicht ohne das andere. Nagarjuna betont, dass die materiellen oder geistigen Körper eines Zwei-Körper-Systems nicht identisch sind, aber sie fallen auch nicht auseinander. Es ist die Unmöglichkeit, einzeln und unabhängig existieren zu können.

All das sind Dinge, die meines Erachtens teilweise sehr schwer auf der sachlichen Ebene zu erkennen sind, etwa dass es ohne Feuer keinen Brennstoff gibt. Doch verfolge ich einmal, was mir so im Kopf herumgeht oder auch, wie ich mich verhalte, dann sehe ich das ziemlich leicht. Was ich noch nicht so ganz gerafft habe, das ist die Sache mit dem Zufall.

Nach Nagarjuna gilt ja grundsätzlich, dass es keine Ursache ohne eine Wirkung gibt und umgekehrt. Der Begriff Ursache hat keine Bedeutung ohne seinen Gegenbegriff Wirkung. Ursache & Wirkung sind nicht eins, aber sie fallen auch nicht in zwei getrennte Begriffe auseinander. Und doch haben Versuche von Anton Zeilinger ergeben, dass es unter extrem seltenen Bedingungen den absoluten Zufall gibt. Nämlich dann, wenn ein Teilchen über absolut keine Information verfügt, es sozusagen gänzlich nackt dasteht.

Doch bevor ich mir darüber klar werden kann, muss ich mir erst über den Begriff ‚Information‘ und seine Bedeutung klar werden. Information ist offenbar unabhängig von Raum und Zeit. Daraus kann man schließen, dass Information fundamentaler ist als alle anderen Konzepte wie Raum oder Zeit. Das sage nicht ich, das sagt Zeilinger. Und er sagt auch, dass es keine Grenze für diese Quantenphänomene gibt. Es ist dann nur die Menge, die das recht unübersichtlich macht. Aber eines darf man auch nicht tun, nämlich in die Phantasterei abzudriften.

Wie hat doch Einstein gesagt? „Man soll die Dinge so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.“ Erinnert mich sehr an Ockhams Rasiermesser, etwas, woran ich mich auch zu halten suche, auch wenn es schwer fällt. Eines muss uns klar sein, wir verstehen noch sehr, sehr vieles nicht, was uns bewegen sollte, nicht alles für richtig zu halten, nur weil wir es können. Und wie Einstein gesagt hat, wir sollten das Staunen nicht vergessen.

Fakt ist, dass unser Geist nicht unmittelbar mit der Realität zusammenfällt und damit identisch ist, doch das bedeutet nicht, dass er, also wir, nicht tatsächlich auch Realität generieren und gestalten. Doch um das auch sinnvoll tun zu können, ist es notwendig, den zivilisatorischen Ballast abzuwerfen, von dem wir oft nicht einmal mehr merken, dass wir ihn mit uns herumschleppen.

Das Denkgerüst für all das ist Tetralemma:

  • A (Existenz)
  • Nicht A (Nicht-Existenz)
  • A und Nicht-A (Sowohl Existenz als auch Nichtexistenz)
  • Weder A noch Nicht-A (Weder Existenz noch Nichtexistenz)

Es kann demnach das Eine, das Andere, Beides, Keines von Beiden oder all dies nicht und selbst das nicht sein. Aber keine Beliebigkeit!

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