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Die Banalität des Bösen verstehen

Warum schauen wir uns Krimis an?
Wieso hadern wir mit Ungerechtigkeiten?
Warum echauffieren wir uns so leicht über andere?

Weil wir diese Angst in uns haben, genau so zu sein wie die Anderen auch. Wir wollen jedoch zu den Guten gehören, wissen aber nicht, ob wir nicht doch wie die Bösen sind. Wir wollen nicht wahrhaben, dass wir auch so sein könnten. Nicht bewusst. Aber es arbeitet in uns, versucht sich Gehör zu verschaffen.

Daher ist es von so großer Bedeutung zu sehen und zu verstehen, wie sich das für uns Falsche auf leisen Sohlen in unser Leben schleichen kann. Um das wiederum zu verstehen ist es notwendig zu sehen, dass unser gewöhnliches Verständnis von „Wirklichkeit“ uns nur einen oberflächlichen Einblick in das Geschehen der Dinge geben kann.

Wir könn(t)en heute wissen, dass Wirklichkeit nichts Eigenständiges, Festes, Unabhängiges ist, sondern dass sie aus Systemen abhängiger Bestandteile besteht. Das sind keine rein philosophischen Erkenntnisse, sondern die der Quantenphysik, der Systemforschung und der Gehirnforschung. Dieses Wissen, über das wir heute verfügen, zeigt, dass die Zusammenhänge eben nicht so einfach sind, wie wir sie gerne hätten.

Es ist oft sehr schwer zu verstehen, zu komplex, zu verwoben. Aber dem können wir begegnen, indem wir lernen, auf die mit der Komplexität übereinstimmende Weise zu denken und damit entsprechend zu handeln. Wir haben bislang nur deshalb ein Problem mit der Komplexität, weil wir sie noch nicht selbst denken und damit leben können.

In dem Moment, indem wir der Wirklichkeit gemäß denken und auch handeln, sind wir davor gefeit, dem (für uns) Falschen zu erliegen. Das taten wir bisher nur, weil wir die Wirklichkeit unzutreffend interpretierten. Interpretieren wir sie richtig, sind wir davor gefeit. Es klingt banal, ist es im Grunde auch.

Wir müssen nur korrekt denken lernen. Doch allein das genügt noch nicht. Es gab eine Zeit, in der Menschen die Sinnlosigkeit ihres kriegerischen Handwerks erkannten und sich daraus lösten, indem sie eine eigene Ethik entwickelten: Das war die Zeit der Samurai. Geprägt war diese Zeit von dem Zen, der damals in Asien eine wesentliche Rolle spielte.

Ohne diesen geistig-philosophischen Einfluss hätten die Samurai wahrscheinlich nie zu der letztlich prägenden Ethik des Budō gefunden. Es geht also nicht alleine um ein Weltverständnis, sondern um die Verbindung mit einer sehr durchdachten Ethik und einem weiteren Element, wir es etwa im Aikido wiederfinden. Man muss auch so sein, also auch tatsächlich dementsprechend leben.

Erst durch die Harmonie dieser drei Elemente kann man einigermaßen sicher sein nicht mehr Gefahr zu laufen, sich von dem Verhalten und dem Denken anderer einfangen zu lassen. Wem die Gedanken des Ch‘an zu asiatisch sind, der nehme ganz einfach die Gedanken der Quantenphysik. Die haben das Gleiche erkannt, wenn auch auf ganz andere Weise.

Erst dann, wenn ich gelassen auf einen Nazi oder jemanden reagiere, der menschenverachtende Thesen vertritt, dabei aber nicht wegschaue, sondern benenne, was er denkt, sagt oder tut als das, was es ist, nämlich menschenverachtend, erst dann weiß ich, dass ich selbst von den Anfangs beschriebenen Ängsten frei geworden bin und erst dann, kann ich vehement und engagiert für eine andere Ethik und ein anderes Welt- und Menschenverständnis eintreten.

Veröffentlicht in Reflexionen