Zum Inhalt springen →

Das Erkannte leben

Ich kann ‚es‘ nicht wollen,
aber wenn ich Glück habe,
merke ich irgendwann,
dass ich ‚es‘ tue.

Wenn ich erkenne, dass ich in einer Illusion lebe, da ich über ein Wirklichkeitsbild verfüge, das tatsächlich nicht im Einklang mit der Wirklichkeit ist, jedoch das Wissen für ein zumindest besseres, weil stimmigeres Weltbild habe – was kann ich dann tun?

Ich denke, ich habe zwei Möglichkeiten: Die eine ist, gegen die existierende, nur leider nicht stimmige Welt in meinem Kopf anzukämpfen. Die Folge wird dann sein, dass sich letztlich nichts ändert, denn das Prinzip des Gegeneinander ist gerade eines der Grundprinzipien des unzutreffenden Weltbildes. Dadurch wird es nur noch stärker.

Also lebe ich auf eine Weise, die sich nicht mit den Prinzipien der unzutreffenden Philosophie beschäftigt, sondern mit den Prinzipien, die tatsächlich im Einklang mit der Wirklichkeit sind und die wir nachweislich wissen. Es geht ja nicht um einen Streit der Philosophien, sondern einfach darum, die stimmige Philosophie zu leben, die uns die Wirklichkeit vorgibt, etwa durch die Quantenphysik.

‚Gut‘ und ‚böse‘, ‚richtig‘ und ‚falsch‘

Es beginnt damit, das Gegeneinander von ‚gut‘ und ‚böse‘ zu beenden. Das sind Begriffe, die ein Verhalten in Bezug auf das jeweilige gesellschaftliche Kommitment als akzeptabel oder eben nicht beschreiben. Ganz ähnlich ist es mit ‚richtig‘ und ‚falsch‘. Im technisch-mechanischen Bereich ist das  verständlich, etwa wenn ich eine Schraube mit Linksgewinde im Uhrzeigersinn festzuziehen versuche. Ist einfach falsch.

Nur wenn im zwischenmenschlichen Bereich etwas nicht so funktioniert‘, wie man es sich vorstellt, verwenden wir gerne die gleichen Begriffe ‚richtig‘ und ‚falsch‘; wobei sich in der Regel kaum eindeutig klären lässt, was jetzt überhaupt ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ ist, selten, dass sich nicht beide Seiten im Recht fühlen.

Ich denke, was ein Mensch für richtig hält, ist es für ihn auch, doch es besteht die Notwendigkeit das in Übereinstimmung mit den Ansichten der anderen Personen des Systems zu bringen, in dem man sich befindet. Das ist wie bei einem der kleinsten menschlichen Systeme, einem selbst. Bin ich im Einklang mit mir selbst (was immer das auch ist), gibt es kein richtig oder falsch.

Fragen nach ‚richtig‘ und ‚falsch‘ tauchen erst dann auf, wenn Schwierigkeiten auftreten, wenn also der Gleichgewichtszustand gestört ist. Das ist jedoch kein Zustand zwischen den Polen ‚richtig‘ und ‚falsch‘, im Zustand des Gleichgewichts verschwinden sie. Es sind nur Indikatoren für die Suche nach der Rückgewinnung des Gleichgewichts.

Diesen Zustand des Ausgewogenseins ganz ohne Pole kennen wir auch in unseren Beziehungen. Wie aber kommen wir ganz grundsätzlich aus dem Dilemma des ‚gut‘ und ‚böse‘ oder ‚richtig‘ und ‚falsch‘ heraus? Es beginnt damit, dass man diese Pole nicht als Fakten ansieht, sondern eben als Pole, deren einziger Sinn darin besteht, ein Ungleichgewicht wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu bringen – ohne Pole.

Die Herausforderung besteht darin, dieses Gleichgewicht und die Ausgewogenheit zu beschreiben. In meinem Verständnis ist Ausgewogenheit gerade kein Gleichgewicht. Das mag für Medien gelten, jedoch nicht für das Leben. Ich selbst bin ‚bei mir selbst‘, wenn ich keinen Gedanken habe, außer die Frage, ob ich tanken oder Nudeln für das Abendessen einkaufen muss.

Wenn ich über etwas nachdenke, dann ist es eben nicht im Gleichgewicht. Das bedeutet keineswegs, Ungleichgewichte zu ignorieren. Ganz im Gegenteil. Doch weil sich der ideale Zustand nicht definieren lässt, muss man gemeinsam darüber reden. Eine Strategie, um selbst nicht ins Ungleichgewicht zu kommen ist zu urteilen und zu beurteilen ganz einfach zu lassen, sowohl über andere wie über sich selbst.

Raus aus der Konvention

Wir wissen, dass Wut, Trauer, Freude etc. regelrecht ansteckend sind. Das gilt auch bei den Emotionen, die mit dem einhergehen, was wir denken und sagen. Mein Hund wusste immer, wie ich drauf war – meine Frau auch. Nur hat die das nicht so gezeigt und ist nicht gleich in Deckung gegangen, wenn ich schlecht drauf war.

Es ist der Preis der Konvention, dass wir nicht mehr ehrlich miteinander umgehen und uns lieber in der Pseudogesellschaft begegnen. Wir müssen uns endlich fragen, ob wir wirklich so leben wollen, wie Scott Beck es treffend beschreiben hat: „Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln.

Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv.

Wir sollten uns einmal ganz ernsthaft die Frage stellen, ob wir wirklich unser Leben so verbringen wollen – höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Man kann es nicht oft genug wiederholen. Viele schwärmen ja regelrecht von der Philosophie des Buddhismus, realisieren aber nicht, dass die Leere, von der da so oft die Rede ist, genau das Gegenteil von Konvention ist.

Der Übergang von der Pseudogesellschaft zur Gesellschaft, die diesen Namen auch verdient, läuft selten dramatisch ab und dauert doch manchmal qualvoll lange, bis man endlich bereit ist, sich zu öffnen. Der eine oder andere ist vielleicht bereit, seine Seele offenzulegen, nur um zu erleben, dass ein anderer nicht bereit ist, sich mit sich selbst zu konfrontieren und plötzlich das Thema zu irgendetwas völlig Unsinnigem wechselt. Will ich jedoch wahrhaftig leben, gibt es keine Alternative dazu.

Im Flow leben

Letztlich bedeutet das, in einem Zustand des Flow zu leben. „Flow“ nennt man den Zustand, in dem alles mühelos von der Hand geht – Musiker und Sportler kennen und lieben ihn. Dabei kann uns der „Flow“ selbst beim Bügeln erwischen. Nur wie?

Mihály Csíkszentmihályi, der Flow-Guru, kam wohl drauf, als er bemerkte, dass ihn die Bomben in Budapest nicht störten – wenn er Schach spielte und sich auf das Brett konzentrierte. Das Problem ist üblicherweise, dass wir uns mit Negativem beschäftigen, statt uns wie Künstler, Musiker und Wissenschaftler zu verhalten – alles Menschen, die ungeheuer viel Energie in eine Sache steckten, trotz einer eher geringen Aussicht auf Ruhm oder Reichtum.

Egal ob es nun um Klavierspielen, Kochen, Schreiben oder das Führen einer anregenden Unterhaltung geht, die jeweilige Handlung fließt, ohne dass dafür gezielt etwas getan werden muss. Es ist wie bei mir mit dem Motorradfahren: All diese Erfahrungen und Erlebnisse sind ‚autotelisch‘, das heißt, die Handlung selbst wird zum Motiv. 

Doch unter welchen Bedingungen kommt es zum Flow, was löst ihn aus? Das Wichtigste ist ein klares und unmittelbares Feedback (wie beim Motorradfahren!). Ich passe Anforderungen und Fähigkeiten laufend aneinander an. Sich am Limit bewegen, ohne sich überfordert zu fühlen. Das ist die Erkenntnis von Csíkszentmihályi.

Die einzige Schwierigkeit besteht fürviele darin, sich selbst zu vergessen. Solange ‚Ich‘ noch dabei bin, mir also Gedanken darüber mache, was mit mir ist oder wie ich mich darstelle, wird es nichts mit dem Flow.

So einfach und doch so schwer

Sind wir in der Lage der Wirklichkeit gemäß zu handeln – und nicht weiter auf die ‚normale‘ Illusion hereinzufallen – werden wir sehr vieles sehr anders sehen und auch ganz anders handeln. Es wird nur leider oft übersehen, dass etwas zu wissen nicht genügt. Und auch die besten philosophische Grundeinstellung ist nutzlos, wenn ich sie nicht zu meiner Haltung gemacht habe.

Die Frage bleibt: Wann bin ich endlich so konsequent und fangen damit an, ernsthaft so zu leben? Das bedeutet nämlich erst einmal ohne Adjektiv zu leben. Darauf kam ich als ich einen Text las, in dem ‚Anarchismus ohne Adjektive‘ thematisiert wurde. Also kein beschreibendes Etikett, denn jedes Etikett grenzt etwas anderes aus. Ich versuche also nicht so oder so zu sein, sondern ich bin, wie ich bin.

Auf dem Motorrad oder beim Kochen weiß ich definitiv, wie ich unterwegs bin, da gibt es ganz klares und direktes Feedback. Ich denke mittlerweile, dass es das auch im ganz normalen Alltag gibt, nämlich dann, wenn ich mir kein Adjektiv mehr anzuheften suche. Doch das alleine genügt nicht, ich muss mir auch bewusst sein, wie die Welt und also auch ich ‚funktionieren‘.

Da ist einmal das, was man Energie nennen kann und dann noch Bewusstsein. Bin ich mir einer Sache bewusst, etwa dass der Herr Maier ärgerlich ist, existiert ein ärgerlicher Herr Maier für mich im selben Moment exakt so. Es ist also ‚mein‘ Bewusstsein, mit dem ich die Welt schaffe, in der ich lebe. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich machen könnte, was ich will, sondern ich kann nur das tun, was im Einklang mit allem anderen tatsächlich möglich ist.

Das bedeutet für mich, dass, ‚funktioniert‘ mein Körper nicht ideal, ich also krank bin, mein Bewusstsein gerade eine nicht sonderlich gesunde Einstellung hat. Ich bin mir dann eben ‚Krankheit‘ bewusst, was überhaupt nichts mit den körperlichen Symptomen zu tun hat oder haben muss. Wir wissen ja, dass gefangene Gorillas sich selbst dann, wenn sie befreit wurden, weiterhin an die Grenzen ihres früheren Käfigs halten. Sie haben einfach nicht die innere Vorstellung sich weiter bewegen zu können, also machen sie es auch nicht.

Wittgensteins Gedanke, dass Sprache die Grenze unserer Welt definiert, verstehe ich so, dass meine mentalen Vorstellungen, also das, was mir bewusst ist, meine Welt definiert. Nur bedeutet das nicht, dass diese Welt dann auch so sein muss. Sie ist zwar für mich subjektiv definitiv so, aber nicht absolut. Wenn also mein Bewusstsein meine Welt definiert, wie komme ich dann darüber hinaus?

Erst einmal keine Adjektive mehr. Das ‚Ich‘ aufgeben; nur das sprachliche ‚ich‘ bleibt, sonst rede ich so komisch. Doch was passiert dann? Ich muss einen anderen Zugang als bisher zur Wirklichkeit finden. Zur Erinnerung: Aus den Erkenntnissen der Quantenphysiker wissen wir, dass wir sozusagen in zwei Welten leben: Einmal in der realen Welt der Fakten und dann in der Welt des Möglichen. Was jedoch so nicht ist, denn beide Welten sind ein und das selbe, nur haben wir dafür keine Sprache und keine Vorstellung.

Die Physiker tun sich da leichter, die haben dafür die Mathematik. Und genau diese andere Sprache suche ich zu erkennen.

Nächste Seite …