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Auschwitz

Wenn man das Ungeheuerliche in Begriffe kleidet, wie etwa in „Auschwitz“, „NS-Zeit“, „33 – 45“ oder „vor meiner Zeit“, dann kommt man leicht in Versuchung, es verstehen zu wollen.

Doch dadurch distanziere ich mich nur davon, denn es ist nicht zu verstehen, es bleibt unerklärlich. Kein Tier würde das tun, hätte es nicht einen triftigen Grund dafür. Den aber gab es und gibt es für den Menschen nicht. Kein Tier würde ein anderes Tier töten, nur weil es anders lebt und sich anders verhält, als es selbst. Kein Tier wäre so bestialisch wie Menschen sein können, keines.

Das macht es vollkommen unbegreiflich. Das begreife ich erst dann, wenn ich es in mich eindringen lasse, es anerkenne als das, was es war und ist: menschlich, zutiefst menschlich. Und weil auch ich ein Mensch bin, kann auch ich so sein oder werden.

Nur wenn ich das akzeptiere und aufhöre es als unmenschlich zu bezeichnen, erst dann fange ich an zu begreifen, dass das Ungeheuerliche immer wieder passieren kann und Vorsehung dafür treffen kann, dass ich dem nicht verfalle.

Es gibt keine Erklärung dafür, warum sich Menschen dafür hergegeben haben und auch heute noch dafür hergeben. Das ist und bleibt unverständlich. Wichtig ist zu sehen, dass die Menschen, die dazu bereit waren, ganz gewöhnliche Menschen waren, dass das Böse schlichtweg banal war, wie Hanna Arendt es formuliert hat. Das muss mich erschrecken. Doch es ist nicht erklärbar, nicht verstehbar. Denn wie wollte ich erklären, dass der eine zum Nazi wurde, der andere aber nicht?

In der Ablehnung der Menschen, die so handelten oder wieder ganz ähnlich handeln, ändern wir das nicht, nur in der Ablehnung solcher Taten. Doch nicht gleichermaßen verführt zu werden setzt eine klare eigene Ethik und nicht nur eine Moral voraus. Diese Ethik finde ich jedoch nicht im außen, sondern nur in mir selbst, durch eigene Einsicht.

Gerade weil wir über unsere Beziehungen der sind, der wir sind, ist es so wesentlich, eigenständig zu denken und eben nicht der Meinungen anderer zu folgen oder, genauso schlimm, einfach keine Meinung zu haben. Übel ist es, eine Meinung zu haben, die jedoch für sich zu behalten, weil man Angst hat Gefahr zu laufen, ausgeschlossen zu werden.

Es braucht Klarheit über die eigenen Wesensmerkmale und Seelenkräfte, gerade auch über die negativen und denen, die den Keim zur Gewalttätigkeit in sich tragen. Nur das bewahrt mich davor, solchen Ideologien zu verfallen, mit welchem Mäntelchen auch immer sie sich getarnt haben mögen.

Veröffentlicht in Reflexionen